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Handlauf in die Pilze
  • Christoph Rütimann
  • Handlauf in die Pilze, 2004

  • Video, DVD, Pal, Farbe, Ton, Auflage: 1/5
  • signiert auf Archivmaster
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2010.10v
  • © 2010, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 2'004
  • Jahr bis: 2'004
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Christoph Rütimanns Videoinstallation „Handlauf in die Pilze“ aus dem Jahr 2004 nimmt den Betrachter, die Betrachterin mit auf eine Kamerafahrt durch eine lichte Waldlandschaft. Mal rasant, mal gemächlich fährt die Kamera einem auf dem Waldboden liegenden, roten Rohr entlang. Die Perspektive des Betrachters entspricht derjenigen der Kamera, die ihren Weg säumenden Pflanzen erscheinen gigantisch, fast meint man deren grüne Blätter im Gesicht zu spüren. Das rote Rohr hebt sich in einem auffälligen Farbkontrast von dunklen Waldboden ab und windet sich schlangenähnlich zwischen den hohen Baumstämmen durch. Die Kamera gleitet auf dem Rohr, akustisch wird dieser Effekt durch das Geräusch eines ratternden und quietschenden Radwerks unterstützt. Ab und an stellen sich dieser Achterbahn-Fahrt mächtige Baumstämme oder fragile Sträucher in den Weg, mal scheint die Kamera ungebremst in den feuchten Waldboden zu rasen. Gleich der Kamera vermag auch der ihr folgende Blick diese Hindernisse jedoch mühelos zu durchdringen. Auf ihrer Fahrt begegnet sie den verschiedensten Pilzen – einzelnen Tintenschöpflingen, ganzen Gruppen von Schwefelköpfen oder rot leuchtenden Fliegenpilzen – um nach rund 6 Minuten tatsächlich „in den Pilzen“ – vor dem grossem, einem vom Wind umgedrehten Schirm ähnelnden Pilz – abrupt zu stoppen.

„Handlauf in die Pilze“ zeugt von Rütimanns intensiver Beschäftigung mit der Linie als formales Element der zwei- und dreidimensionalen Grenzziehung, die in seinem künstlerischen Schaffen einen wichtigen Fokus darstellt. Für eine Ausstellung im Kunstmuseum Luzern zieht der Künstler 1987 – auf einem eigens angefertigten Wägelchen über Papierbögen gleitend – seine erste grosse Linie. Zwei Jahre danach konzipiert Rütimann für die Zürcher Shedhalle erneut eine Linie auf Papier, ergänzt durch eine grosse Skulptur aus einem Stahlrohr, der „Endlosen Linie“. In den 1990er Jahren beginnt der Künstler seine Beschäftigung mit der Linie durch das Medium des Videos zu erweitern. Auf der 1999 auf dem Dach der Berner Kunsthalle installierten Endlosschlaufe dreht eine Kamera ihre Runden, mittels Liveprojektion auf eine Grossleinwand im Ausstellungssaal können die Besucherinnen und Besucher die 'Blicke' der Kamera verfolgen. Während die Installation in Bern von einer eigens konstruierten Linie ausgeht, beginnt sich Rütimann etwa zur selben Zeit vorgefundenen Linien zu widmen. Das formale Element der gezeichneten oder konstruierten Linie wird gleichsam in einen realen Gegenstand transformiert: Rütimann schraubt Rädchen an seine Videokamera und führt sie mit der Hand einem Geländer entlang.

In den so entstehenden „Handläufen“ lässt er seine Kamera über Geländer in Zürich, Berlin oder Seoul sausen, erfasst die Welt aus ungewohnter Perspektive – aus Sicht der Hand – und ordnet die einzelnen „Handläufe“ schliesslich unter dem übergeordneten Titel der „Geh-Länder“. Bald einmal weitet sich seine Faszination für die vorgefundenen Linien aus und Rütimann folgt nicht mehr bloss Geländern, sondern auch Leitungen, Schläuchen oder Gebäudekanten. Gleich wie beim „Handlauf in die Pilze“ wird der Betrachter mit einem sich stetig verschiebenden Fluchtpunkt und einer ungewohnten Perspektive auf die Topographie der Umgebung konfrontiert, der die konventionellen Sehgewohnheiten unterläuft. Während sich viele von Rütimanns „Handläufen“ letztlich mit dem urbanen Raum und vorgefundenen Linien beschäftigen, verlässt er mit „Handlauf in die Pilze“ diesen Kontext und kehrt zurück zu der in die 1990er Jahre datierende Auseinandersetzung mit eigens konstruierten Linien. Die sich durch die ratternde Kamerafahrt ergebende, ungewohnte Perspektive auf Wald und Pilze vermag den Betrachter jedoch nicht minder in seiner visuellen Wahrnehmung der Welt zu irritieren.

Gioia Dal Molin