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Hängen am Museum II
  • Christoph Rütimann
  • Hängen am Museum II, 2002

  • Vier-Kanal-Video, farbig, Ton, Loop
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Leihgabe des Künstlers
  • Inv.-Nr. L 2003.7:1-4v
  • © 2010, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 2'002
  • Jahr bis: 2'002
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Am Abend des 2. Mai 2002 lässt sich Christoph Rütimann bei strömenden Regen vor dem Eingang des Kultur- und Kongresszentrums Luzern in ein Gestell hängen, das auf einen stählernen Rollwagen (KML L 2003.3w) montiert ist. Gekleidet in ein dunkles Jackett mit einer speziellen Hängevorrichtung und mit einer Mütze auf dem Kopf (KML L 2003.4:1-2w) wird der Künstler vom Museumsdirektor Peter Fischer an die nordwestliche Ecke des vorspringenden Daches von Jean Nouvels Bau gezogen. Dort wird der Künstler an zwei Seile gehängt und mit Hilfe einer Seilwinde (KML L 2003.2w) in fünf Minuten bis unter das imposante Dach gezogen. Danach wechselt die Bewegung in die Horizontale, Rütimann gleitet vor der Kulisse des nächtlichen Luzerns an der Dachkante des Gebäudes entlang. Körper und Blick vom Gebäude ab zum See hin gewandt, schwebt der Künstler mit hängenden Armen durch den Nachthimmel. Die Besucher der öffentlichen Performance folgen ihm langsam, sie bilden mit ihren farbigen Regenschirmen eine seltsam anmutende Prozession. Langsam verschwindet Rütimann in der Dunkelheit, an der Rückseite des Gebäudes wird er wieder auf den Boden hinuntergelassen, die letzten Meter der 60 Minuten dauernden Gebäudeumrundung legt er wieder auf dem von Museumsdirektor gezogenen Wagen zurück. Die zwei Performances sind auf Video dokumentiert und finden dadurch als ephemere Ereignisse dennoch Eingang in den Ausstellungskontext des Kunstmuseums Luzern. Das Vier-Kanal-Video wird auf vier Monitoren gezeigt, diese sind gemäss den auf dem Band zu sehenden Gebäudeseiten und den entsprechenden Himmelsrichtungen ausgerichtet und vermögen so dem Ausstellungsbesucher einen Ausblick aus dem Museum zu verschaffen.

Rütimanns Performance evoziert eine Reihe von Assoziationen. In formaler Hinsicht kann das in Rütimanns Œuvre zentrale Element der Linie auch in dieser Aktion ausgemacht werden, gleicht doch das vorragende Dach des Baus einer Linie, die Rütimann in seiner horizontalen Bewegung langsam nachzeichnet. Die Titelgebung „Hängen am Museum“ und der visuelle Eindruck sind vielschichtig: auf der Oberfläche verweisen sie zum Einen auf die reale physikalische Hängesituation, da der Künstler im wahrsten Sinne des Wortes am Museum hängt. Unter die Oberfläche des ersten visuellen Eindrucks blickend, eröffnet sich ein weiterer Bedeutungsspielraum, in dem sowohl der Künstler als auch das Museum thematisiert werden. Rütimann spielt in seiner Projektdokumentation mit den Worten: „Bilder hängen im Museum“, „Künstler wollen im Museum hängen“ oder „Das Museum als Aushängeschild“. Mit der Performance fragt Rütimann nach der Abhängigkeit des Kunstschaffenden vom Museum aber auch vice versa und er reflektiert letztlich auch sein eigenes Verhältnis, seine eigene Abhängigkeit zur Institution des Museums.

Rütimanns „Hängen am Museum“ ist jedoch nicht nur ein Anstoss zur Reflexion über gegenseitige Abhängigkeiten, sondern auch eine Architekturperformance, die den neu eröffneten, vieldiskutierten Bau – um bei den Wortspielereien zu verweilen – als Aushängeschild Luzerns aufgreift und ihn für die Besucherinnen und Besucher der Performance physisch erfahrbar werden lässt. Durch die unmittelbare Sichtbarkeit von Rütimanns Performance an der Fassade des Museums, wird dieses aus seiner Enklave im vierten Stock des Kultur- und Kongresszentrums gelöst und mit seinen Aktivitäten nach Aussen getragen. Und dennoch fungiert das Museum in seiner üblichen räumlichen Dimension als Ausgangspunkt der Aktion. So legt Rütimann das Zentrum der Performance in seiner Projektdokumentation in den grossen Ausstellungssaal, von dort aus zieht er die Linien der Kreissektoren, deren Schnittpunkte mit der Dachkante die Zeitintervalle der Umkreisung bestimmen. Ausgehend von diesem Zentrum dehnen sich die Sektoren – einem Strahlenkranz gleich – über die Schweizerkarte und die Europakarte aus. In diesem Sinne thematisiert Rütimanns Performance auch das Verhältnis zwischen dem Museum und der Stadt Luzern, aber auch der Schweiz und der restlichen Welt. Das Museum soll sich öffnen, eingreifen und ausstrahlen.

Durch die Akzentuierung des Museums im Kultur- und Kongresszentrum hat Rütimanns Performance weiter auch den Charakter einer symbolischen Begrüssung, einer Initiation, die den Neubau von Jean Nouvel einem Ritual gleich einweiht. In diesem Sinne antwortet Rütimanns Begrüssung gezielt auf die Performance am alten Bau, die der Künstler am 16. Dezember 1994 durchgeführt hat. (Vgl. KML L 2003.6:1-4v) Ebenfalls hängend liess sich Rütimann damals im Scheinwerferlicht um den erhöhten Kern des Gebäudes von Armin Meili ziehen und inszenierte so den Abschied und seine eigene Schwierigkeit, sich von dieser geschichtsträchtigen Institution zu lösen. Rütimann war 1994 im Vorstand des Kunstmuseums und erlebte aus unmittelbarer Nähe, wie wichtig der Meili-Bau für manche Menschen war. Rückblickend hält er fest: „Ich wollte den Verlust und zugleich den Übergang zu etwas Neuem formulieren.“ Zugleich vermochte Rütimann mit den formal ähnlich angelegten Performances auch Kontinuitäten zu generieren: Die Konnotation des alten Museumsbaus, der als Ort von wegweisenden Ausstellungen die Kunstgeschichte der 1960er bis 1980er Jahre mitgeschrieben hatte, sollte konserviert und auf den neuen Museumsstandort appliziert werden, um so das Bewusstsein für die eigene Geschichte zu vergegenwärtigen. Christoph Rütimanns Performances „Hängen am Museum“ stellen demnach nicht nur entscheidende Fragen nach den Aufgaben des Museums als öffentlicher Ort der Kunstvermittlung, als Ort im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kulturpolitik und nach dem Verhältnis des Kunstschaffenden zur Institution, sondern vermögen auch – nun spezifisch auf das Kunstmuseum Luzern angewendet – das Agieren des Hauses im Hier und Jetzt mit einer bedeutenden Vergangenheit visuell zu verbinden.

Gioia Dal Molin