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Bibliotherapy meets Bouvard et Pécuchet
  • Rémy Markowitsch
  • Bibliotherapy meets Bouvard et Pécuchet, 2001

  • Video, VOB, Auflage: 1/3
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2003.09v
  • © Rémy Markowitsch
  • Jahr von: 2'001
  • Jahr bis: 2'001
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Den Kern von Rémy Markowitschs Installation „Bibliotheraphy meets Bouvard et Pécuchet“ aus dem Jahr 2001 bilden 25, mit der Digitalkamera aufgezeichnete Videosequenzen von verschiedenen Personen, die Gustave Flauberts Roman „Bouvard et Pécuchet“ von 1881 in französischer Sprache vorlesen. Die ungeschnittenen Sequenzen der Lesenden zeigen unterschiedliche Orte in Paris – wo die Handlung von Flauberts Roman ihren Anfang nimmt – und in der Normandie, dem eigentlichen geografischen Handlungsraum der Geschichte. Die Vorleserinnen und Vorleser sitzen in Gärten, an Küchentischen, auf bequemen Sofas und unbequemen Holzstühlen, sie lesen vor dicht gefüllten Bücherregalen oder in Werkstätten. Die Lesung des unvollendet gebliebenen Romans dauert rund zwölf Stunden und wird den Betrachterinnen und Betrachtern im Ausstellungskontext mittels Fernsehmonitoren und Kopfhörern vermittelt. Diese durch den statischen Kamerablick entstehenden intimen Portraits der Vorlesenden werden durch einen grossen, an die Wand projizierten Abspann ergänzt, auf dem in scheinbar endloser Folge die verschiedensten Buchtitel – von Baudelaire bis Vergil – vorbeiziehen.

Das grossangelegte Projekt „Bibliotherapy“ besteht – neben Flauberts „Bouvard et Pécuchet“ – aus Lesungen von Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“ (vgl. KML 2003.10–13v) und Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ und konzipiert sich im Sinne des Künstlers als 'work in progress', das je nach Ausstellungsort variiert wird. So werden die in ihrer Präsentation grundsätzlich variablen Videosequenzen der Lesungen ergänzt durch Elemente wie die floralen Bodenbemalungen und die in einem ähnlichen Muster gehaltenen Sitzkissen des taiwanesischen Künstlers Michael Min Hong Lin, die als Sitzfläche für die Besucherinnen und Besucher fungierenden Holzelemente des Architekten Philipp von Matt oder die grosse, skulpturale Installation „BonsaiPotato“ (2001) von Markowitsch selbst. In inhaltlicher Hinsicht stellt „Bibliotherapy“ einen Kulminationspunkt in Markowitschs, beispielsweise bereits 1996 anlässlich der Ausstellung „Finger im Buch“ im Kunstmuseum Luzern aufgegriffenen Auseinandersetzung mit dem Medium Buch, mit den Themen der Sprache, der Lektüre und der schriftlichen und visuellen Kultur dar. Hierbei interessiert ihn das Buch sowohl in seiner Form als kulturelles Produkt, als Speicher von kulturellem Wissen, als auch als literarisches Erzeugnis. Durch den performativen Akt des lauten Vortragens als älteste kulturelle und literarische Überlieferung, durch die persönliche Färbung und Gestaltung des Textes jedes einzelnen Vorlesers entsteht das 'Bildnis' eines Textes, das in seiner Länge und in seiner eigentlichen Bewegungslosigkeit zugleich mit gängigen Sehgewohnheiten bricht. In diesem Sinne erweitert Markowitsch das Buch als Speicher von kulturellem Wissen um die Ebene des Visuellen, die im künstlerischen Verarbeitungsprozess als Videofilm wiederum eine Speicherung erfährt und als Aufzeichnung in Tausenden von Gigabytes die elektronischen Medien selbst zum Gedächtnisspeicher werden lässt.

Die Aspekte der Anhäufung und der Speicherung von Wissen in Buchform bilden in der Arbeit „Bibliotherapy meets Bouvard et Pécuchet“ einen inhaltlichen Schwerpunkt, der sowohl auf der Ebene der literarischen Vorlage als auch auf der Ebene der künstlerischen Inszenierung aufgegriffen wird. So scheitern doch Flauberts Pariser Anti-Helden – eben Bouvard und Pécuchet – in ihrem Anspruch, sich das Wissen und die Wahrheit ihrer Zeit mittels Büchern anzueignen, ein Scheitern, das letztlich den ephemeren und relativen Charakter einer wissenschaftlichen Wahrheit offenbar werden lässt. Auf der Ebene der künstlerischen Inszenierung erweitert Markowitsch die Videosequenzen durch die Wandprojektion einer immensen, ja fast unendlichen Bibliographie – nämlich aller im Roman zitierten Werke – und macht Bouvards und Pécuchets verheerende Reise durch die Enzyklopädie ihrer Zeit für die Betrachterin, den Betrachter physisch erfahrbar. Die angeführten, rund 15'000 Titel entsprechen zugleich der tatsächlichen Bibliothek des Schriftstellers Flaubert, die im Rathaus von Canteleu in der Normandie archiviert ist. Wenn in der Videoinstallation der Schluss des Romans von einem französischen Flaubert-Experten vorgelesen wird, taucht ebendiese Bibliothek als Interieur in der Videosequenz auf: Die literarische Vorlage, der tatsächliche Entstehungsumstand des Buches, die inhaltlichen Aspekte, die gegenwärtige (wissenschaftliche) Rezeption und die individuellen Vorlieben und Erfahrungen der Vorlesenden erfahren in der künstlerischer Verarbeitung so eine unmittelbare Verknüpfung.

Rémy Markowitschs „Bibliotherapy meets Bouvard et Pécuchet“ thematisiert aber nicht nur das 'Universum' Buch und seine Funktionen als Speicher von kulturellem Wissen, visualisiert nicht nur die Übersetzung eines geschriebenen Textes in ein 'Bildnis', in die Gegenwart, sondern sie – dies intendiert zumindest der Titel – mag letztlich auch therapeutisch wirken. Mit dem Verweis auf die tatsächlich existierende Therapieform der Bibliotherapie, die auf die Heilkraft der Sprache setzt, fragt der Künstler letztlich auch nach der kulturellen Konnotation des Buches, der Lektüre und – in der Spannweite zwischen Aristoteles’ Definition der Katharsis und der Annahme, dass Lesen krank mache – nach der Wirkung der Literatur.

Gioia Dal Molin