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Marsyas II (Griechische Stücke Nr. 6)
  • Jochen Gerz
  • Marsyas II (Griechische Stücke Nr. 6), 1977

  • Video, U-Matic, s/w, Ton
  • beschriftet auf Kassette: "JOCHEN GERZ; J.G. IN STUDIO GALERIE MIKE STEINER/1. SNAKE HOODS/2. Marsyas II"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 83.17:1v
  • © 2007, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'977
  • Jahr bis: 1'977
Werkbeschrieb
Provenienz
Literatur
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Die Performance „Marsyas“ wurde auf der Art Basel 1977, dem Kunstmarkt Köln 1977 und dem Forum Stadtpark Graz 1978 aufgeführt. Das Video der Sammlung Luzern wurde von Mike Steiner und Klaus von Bruch bei der Kölner Performance aufgezeichnet. Die Performance besteht aus zwei Teilen, die direkt aufeinander folgen. Zuerst steht Jochen Gerz auf einem Podest mit dem Rücken zum Publikum und bemalt mit seinen ausgestreckten Armen zwei von der Decke herabhängende Fotografien. Diese zeigen jeweils spiegelverkehrt das gleiche Motiv: einen vermutlich toten Raben, der an einem Pfahl hängt. Gerz übermalt die Fotografien mit zitternden Bewegungen seiner Hände. Seine ausgebreiteten Arme formen zusammen mit dem Radius der Abdeckfarbe auf den Fotografien die Form von Vogelflügeln. Gleichzeitig wird das Publikum mit einer Videokamera gefilmt.

Im Gegensatz zum Video der Performance „Snake Hoods & Dragon’s Dreams“ (KML 83.17:2v), das völlig ohne Schnitte auskommt, werden hier einzelne Sequenzen mit langsamen Überblendungen aneinander geschnitten. Das erklärt, warum das Video nur zehn Minuten, die Performance hingegen dreißig dauert. Anschließend dreht sich Gerz zum Publikum und trägt mit seinen Händen in einer vertikalen Linie Deckfarbe auf Gesicht und Kleidung auf. Dabei wirken die zuvor gemalten Farbspuren hinter ihm wie seine Flügel. Ähnlich wie im Video der oben genannten Performance bringt er die vertikale, auf seinen Körper gemalte Linie in die Horizontale: In diesem Fall, indem er sich vor einen Fernseher legt, der das im ersten Teil der Performance gefilmte Publikum zeigt. Auf dem Bauch liegend streckt er Arme und Beine nach hinten und übermalt – am ganzen Körper zuckend – mit seinem Gesicht den Bildschirm, bevor er vor Erschöpfung auf den Boden fällt.

Auf einer zu dieser Performance angefertigten Skizze lässt sich erkennen, dass die Linie auf dem Monitor wiederum in der Vertikalen sichtbar werden sollte, dass dies jedoch in der Umsetzung nicht ganz gelingt. Bei beiden Performances erscheint die Horizontale des Bodens als Ort von Bewegung und Dynamik im Gegensatz zur Vertikalen, die als Zeichen von Erstarrung und kultureller Festschreibung verstanden werden kann. Gerz demonstriert seine Lebendigkeit, indem er seinen Körper aus der starren (toten) Vertikalen in eine Horizontale bewegt. So wie er im ersten Teil die Bilder der Vögel mit seinen Händen übermalt hat, löscht er auch hier das Bild der zuvor aufgenommenen Betrachter auf dem Monitor aus und zerstört es, so dass sich das Publikum nun nicht mehr selbst beim Betrachten zusehen kann.

Diese Dekonstruktion des Bildes und die darin implizierte Kritik tauchen in Gerz’ Aktionen und Performances immer wieder auf, so beispielsweise im Griechischen Stück # 3 „Prometheus“. Dort spiegelt er mit Hilfe eines Spiegels Sonnenlicht auf das Objektiv einer Videokamera und löscht so nach und nach das aufgenommene Bild aus. Die Performance „Marsyas“ ist ebenfalls Teil des Zyklus der „Griechische Stücke“ von 1975 bis 1979, in dem Gerz in einer subjektiven Schau auf die griechischen Mythen die Beziehungen, Leidensgeschichten und Listen ihrer Protagonisten thematisiert – dies aus einer persönlichen Perspektive, die Kultur als ein Modell anprangert, das vom wirklichen Leben trennt. Es geht um Verwandlung und Zweideutigkeit durch Irritation, Verwirrung, Provokation und das Fehlen einer Botschaft oder einer Lösung.

Es hat häufig den Anschein, als misslänge dem Protagonisten Gerz seine Aufgabe und er scheitere am Ende. So auch in den beiden Videos der Performances in der Sammlung des Kunstmuseums Luzern: Anfangs körperlich ruhig, werden seine Bewegungen raumgreifender, dynamischer und gleichzeitig unsicherer, bis er unter großer körperlicher Anstrengung und Zittern am Ende zusammenbricht. Ein solches Scheitern wird schon im Titel der Performance impliziert, denn im Mythos unterliegt der Satyr Marsyas Apollo bei einem musikalischen Kräftemessen und wird anschließend von jenem an einem Baum aufgehängt und bei lebendigem Leib gehäutet. Erscheint im tradierten Mythos die Rollenverteilung von Täter und Opfer klar, so geht es Jochen Gerz häufig darum, genau diese scharfe Abgrenzung zu durchbrechen und einen Blick auf den Täter zu werfen, der gleichzeitig auch Opfer ist. „Marsyas der Geschundene; der Schinder ist auch immer der Geschundene.“ (Jochen Gerz zitiert nach Shalev-Gerz, 1985, S. 81.)

Katharina Wetzel