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Nell'Osteria
  • Giovanni Giacometti
  • Nell'Osteria, 1915

  • Öl auf Leinwand
  • 135 x 150.5 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "G G 1915"; signiert verso: "Giovanni/Giacometti/Stampa"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 85x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,915
  • Jahr bis: 1,915
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Giacometti wandte sich immer wieder gegen das Malen aus der Erinnerung. Stattdessen forderte er das unmittelbare Erlebnis und zog es vor, mit der Staffelei in der freien Natur zu arbeiten. Er hatte deshalb jedes Jahr unter den langen und dunklen Wintern zu leiden. So schreibt er am 3. April 1901 an seinen Freund Amiet: „Ich habe den ganzen Winter lang kein Strich im Freien machen können, es war scheusslich. Ich hatte dann auch die Gelegenheit die Erfahrung zu machen dass mein ‚Atelier’ punkto Licht ein miserables ist. Das ist der Grund warum ich auch ein Portrait Annetta’s, an dem ich in den ersten Monaten herumarbeitete, aufstecken musste. (…) Gegenwärtig male ich (…) an einem Interieur mit Lampenlicht. Es ist, fast möchte ich sagen, eine Gedächtniss Studie. Gehe hie und da am Abend an Ort und Stelle und sehe mir die Sache an, mache etwa eine Zeichnung um etwas besser zu behalten, und am Tage packe ich dann die Beobachtungen aus. Ich bin weit entfernt, diese Art zu malen, als mein Prinzip aufzustellen, und ich zapple vor Ungeduld wieder direct an der grossen, schönen Natur saugen zu dürfen. Dieses Studium aber hat auch Vorteile. Vor allem schärft es die Beobachtungsgabe. Man lernt dabei beobachten und gewisse Sachen die sonst entgehen würden, werden schärfer aufgefasst.“

Beim in diesem Brief erwähnten Interieur handelt es sich um das Gemälde „Veglia“ (Museo Ciäsa Grande, Stampa), welches zu einer Reihe von Werken zählt, die allesamt Figurengruppen in dunklen, nur von künstlichem Licht erleuchteten Innenräumen zeigen. In einer biographischen Notiz aus dem Jahre 1918 fasste er diese Interieurs, in denen er die „Wirkungen des Lampenlichts“ untersuchte, bereits als zusammenhängende Gruppe zusammen: nebst dem 1901 entstandenen „Veglia“ gehören auch das aus dem Jahre 1912 stammende Gemälde „Die Lampe“ (Kunsthaus, Zürich), das im Winter 1916/1917 entstandene „Cinchina“ (Privatbesitz) und auch das zur Sammlung des Kunstmuseums Luzern gehörende Gemälde „Nell’Osteria“ dazu.

Bei den genannten Werken ist nicht nur der Bildgegenstand ein ähnlicher; die erhaltenen Studien in Bleistift, Feder und Öl lassen vermuten, dass sie auch in einem ähnlichen Arbeitsprozess entstanden sind: Giacometti, der sonst eben gerade die unmittelbare und spontane Konfrontation mit seinem Bildgegenstand suchte und dementsprechend nur selten vorbereitende Studien zu Gemälden anfertigte, war in diesen Fällen durch die Umstände gezwungen, seine Arbeitsweise zu ändern. Wie er es im oben zitierten Brief an Amiet beschreibt, wird er sich am Abend in die Wirtschaft begeben haben, um mit schnellen Strichen seine Beobachtungen und Empfindungen festzuhalten. Das Übertragen in Öl und auf grössere Formate scheint dann ein langwieriger, genau durchdachter Arbeitsvorgang gewesen zu sein.
Zum Gemälde „Nell’Osteria“, welches Giacometti in den von Isolation geprägten Kriegsjahren angefertigt hat, sind drei Studien erhalten. Anhand dieser Blätter kann man nachvollziehen, dass der Maler die ganz am rechten Bildrand sitzende Figur zuerst in Frontalansicht und als den Betrachter anblickend konzipiert hat. Im Gemälde hingegen wendet sich der dargestellte Mann mit Körper und Blick leicht nach links.

Das fertige Gemälde zeigt, dass Giacometti sich während der Kriegsjahre von der expressiven Malweise der kurzen, locker nebeneinander gesetzten Pinselstriche gelöst hat. Stattdessen wirkt der Farbauftrag an einigen Stellen fast flächig. Ebenfalls gut sichtbar ist in diesem Gemälde Giacomettis Bemühen, die Farbe nicht um ihretwillen, sondern vielmehr im Dienste des Lichts und damit formbildend einzusetzen: „(…) und ich bin noch immer davon überzeugt, dass für den Maler alles durch das Licht existiert. Für mich ist die Farbe vielmehr Ausdruck des Lichts als dekoratives Motiv gewesen“ (an Daniel Baud-Bovy, 5. Sept. 1917). Gerade auf der Jacke des uns so auffallend den Rücken zukehrenden Mannes wird sichtbar, dass die violetten und roten Pinselstriche dazu eingesetzt werden, die Lichtreflexe auf dem dunkelbraunen Stoff wiederzugeben und damit auch den Körper des Mannes zu modellieren.

Barbara von Flüe