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Kleines Stillleben
  • Pinchus Krémègne
  • Kleines Stillleben, ohne Jahr

  • Öl auf Leinwand
  • 38.2 x 46.2 cm
  • signiert unten rechts: "Kremegne"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 369x
  • © 2006, ProLitteris, Zürich
  • Jahr von: 1,920
  • Jahr bis: 1,930
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Krémègnes kleines Stilleben mit Früchten ist exemplarisch für die Bildgattung, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts durch verschiedene Strömungen der malerischen Avantgarde – etwa den Kubisten oder den Fauves – eine Reaktualisierung erlebte. Keine andere Gattung zeigte sich so flexibel und fähig, neue künstlerische Konzepte aufzunehmen. Krémègne, ab ungefähr 1925 ein etablierter junger Maler, hatte eingehend die Werke Cézannes, Van Goghs und der Expressionisten und Kubisten studiert. So sind sowohl Tradition als auch jüngste Entwicklungen dieser Gattung in sein Werk integriert und mit der eigenen Recherche verbunden.

Eine Schale mit diversen Früchten – Feigen, Pflaumen, Mirabellen – steht auf einem kleinen Tisch. Die Tischdecke mit Zierbordüre bildet eine changierende Bühne für die Früchte, indem sie gedämpft deren Farbtöne spiegelt. Die perspektivische Einheit des Ensembles ist sekundär: Die Bildelemente sind teils in frontal bildparalleler Ansicht, teils in Aufsicht dargestellt. Es sind die zahlreichen formalen und farblichen Echos, die die Bildelemente zu einem stabilen, harmonisierten Gefüge verbinden. Da sind nicht nur die Schattenwürfe zu beiden Seiten der Schale, sondern auch die Entsprechungen zwischen den Rundungen der Früchte in der Schale, denjenigen der Früchte auf dem Tisch, den Bögen der Zierbordüre und schliesslich des Schubladenknaufs, welche rhythmisieren und Zusammenhang stiften. Atmosphärische Einheit entsteht durch die Verteilung der Farbwerte: Das Blau, Grün, Orangerot und Ockergelb der Früchte findet sich als Spiegelung am Schalenrand oder als Lichtreflex der Tischdecke oder im auffangenden Hintergrund wieder. Die kühle Farbharmonie mit den warmen gelben und roten Höhungen als Gegengewicht vibriert über die gesamte Bildfläche. Durch die Farbe sind alle Elemente aufeinander bezogen, einander verwandt.

Die Arbeit mit dem Ausdruckswert der Farbe in einem pastosen, sehr materialhaften Auftrag ist vor allem für die Malerei des Expressionismus und der Fauves charakteristisch. Ebenso übernimmt Krémègne das Stilmittel der schwarzen Konturierung der Früchte und Objekte zur Steigerung der Kontraste und der Leuchtkraft. Auch wendet er die expressionistische Maltechnik bezüglich der aperspektivischen Komposition und des Farbauftrags an. Jedoch vermeidet er Kontraste zwischen reinen Grundfarben und Komplementärfarben, in seinen Gemälden werden Kontraste und Spannungen durch die kleinteilige Modellierung und die Vielfalt der Farbtöne gemildert. So entwickelt Krémègne eine eigene, charakteristische "Farbsprache".

Martina Papiro