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Jesus predigt auf dem Wasser
  • Pieter Coecke d. Ä. van Aelst (zugeschrieben)
  • Jesus predigt auf dem Wasser, ohne Jahr

  • Tempera auf Holz
  • 94 x 49 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. G 759x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'520
  • Jahr bis: 1'550
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Die Darstellung, die dem niederländischen Künstler Pieter Coecke van Aelst (1502–1550) zugeschrieben wird, zeigt Christus mit seinen Jüngern in einem Boot, das in einer Bucht im stürmischen Wasser liegt. Christus wendet sich mit einem Segensgestus der Menschenmenge an Land zu, sein Blick verliert sich jedoch in der Leere. Die Menschen und die Apostel scheinen aufgebracht und beunruhigt zu sein, lebhafte Gebärden und verdrehte Körperhaltungen stehen im Gegensatz zu der ruhigen Ausstrahlung der Christus-Figur.

Obwohl der Bildtitel nur ein Thema nennt, verknüpft das Werk wahrscheinlich zwei biblische Ereignisse zu einem erzählerischen Ganzen: eine Predigt, die Christus gemäss Matthäus- und Markus-Evangelium auf dem Wasser in einem Boot hält einerseits und die in drei Evangelien vorkommende wundersame Bändigung eines Sturmes andererseits.

Im Gegensatz zu der berühmten „Bergpredigt“ aus dem Matthäus-Evangelium hat sich im christlichen Bild-Kanon für den lehrenden Christus auf dem Wasser kein entsprechend eigenständiges Motiv etabliert. Die ungewöhnlichen räumlichen Verhältnisse – die Schar verfolgt das Geschehen auf engstem Raum – sind auf die enorme Beliebtheit Jesu Christi zurückzuführen: Da die Zuhörerschaft so zahlreich erscheint, muss Christus auf ein Boot ausweichen. Die Apostel werden in diesem Zusammenhang nicht erwähnt, hier weicht das Gemälde von der Textvorlage ab.

Die zweite einfliessende Textquelle ist die Schilderung von der Stillung des Sturmes, die je nach Evangelium vor (Mt) oder nach (Mk) der eben beschriebenen Predigt geschieht. Der biblische Text schildert, wie ein „grosser Windwirbel“ sich erhebt und Wellen in das Boot schlagen, während Christus ungetrübt schläft. Die Jünger, welche Christus begleiten, sind wach und verängstigt, sie wecken Christus und bitten ihn, etwas gegen das Unwetter zu unternehmen, was dieser – nach einer Aufforderung zu mehr Gottvertrauen – dann auch tut.

Die visuelle Verschränkung der beiden Ereignisse bedeuten eine narrative Verkürzung: Während sich das Volk an Land noch die Gleichnisse anhört, beschreiben die aufgewühlte See und die verängstigen Gesichter der Apostel bereits den Sturm (gemäss Matthäus-Evangelium auch in umgekehrter Reihenfolge denkbar).

Möglicherweise illustriert das Bild auch die „Heilung der zwei besessenen Gadarener“, eine Begebenheit, die sowohl im Matthäus- als auch im Markus-Evangelium unmittelbar auf die „Stillung des Sturmes“ folgt. Die Episode erzählt, wie Christus und seine Jünger in die Gegend der Gadarener kommen, wo ihnen zwei Besessene aus Höhlen entgegen laufen. Christus heilt die beiden, indem er die bösen Geister, welche die Unglücklichen dämonisieren, in eine Herde Schweine fahren lässt, woraufhin die Tiere einen Abhang hinunter in den See stürmen und ertrinken. Die Bewohner einer nahe gelegenen Stadt erfahren von der erfolgreichen Heilung und bitten Christus, ihr Gebiet zu verlassen. Bis auf Christus und die Jünger sind die Figuren auf dem Gemälde, dieser zweiten Auslegung folgend, nicht eindeutig zuzuordnen. Auch die schweinische Austreibung fehlt, was die Geschichte um ihren eigentlichen Höhepunkt bringt. Möglicherweise wurde die Tafel beschnitten, dies würde auch die ungewöhnlich anmutenden Blickrichtungen erklären.

Denise Frey