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Sheela and the Acrobats
  • Nancy Spero
  • Sheela and the Acrobats, 1987

  • 2-teilig, Druck und Collage auf Papier
  • je 58.8 x 193.3 x 5.7 cm
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2010.259:1-2y
  • © 2013, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1,987
  • Jahr bis: 1,987
Description
Provenance
Other

Das Werk besteht aus zwei Teilen von je 51.5 mal 183 cm, die untereinander gehängt ausgestellt werden. Die einzelnen Rollen weisen Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede auf. Sie bestehen aus mehreren Ebenen. Gleich ist beiden Bildern, dass sich ihr Bildhintergrund in drei Rechtecke gliedert, die eine steinerne Struktur aufweisen. Auf diesen sind weibliche Figuren in plumper Beschreibung mit grossem Kopf sowie Ohren erkennbar, deren von hinter den Oberschenkeln führenden Hände ihre Vulva fassen und auf übertriebene Weise präsentieren. Die obere Rolle weist pro Rechteck drei solcher Figuren auf, die untere bloss deren zwei. Bei der ersteren wurde auf das mittlere sowie rechte Rechteck gelbe bzw. gelbe und rosarote Farbe mit einer Rolle aufgetragen. Ausserdem ist am rechten Rand des rechten Rechtecks eine weibliche, nackte Figur von den Knien an aufwärts dargestellt. Bei der unteren Rolle sind ebenfalls das mittlere und rechte Rechteck mit gelb bzw. gelb und türkis gefärbt. Im mittleren Rechteck befindet sich ein weiblicher, nackter Körper in Brückenstellung, der sich im rechten Rechteck wiederholt. Zusätzlich erstreckt sich über das Rechteck hinaus eine weibliche, ebenfalls nackte Figur, die dem Betrachtenden, den Bildgrund verlassend, entgegen zu rennen scheint.

Die Form der Präsentation in Papierbahnen entdeckt Spero in den 1970er Jahren. Durch die horizontale bzw. vertikale Ausrichtung kann sie eine grenzenlose Bildfläche auf der Wand erzielen. Sie zitiert unterschiedlichste Kulturen: von alten chinesischen Rollenbildern, japanischen Handrollen, ägyptischen Papyri hin zur mittelalterlichen Buchmalerei. Die Rollen im Besitz des Kunstmuseums gehören zu Serien, die Spero in den 1980er Jahren schafft und sich dem Thema der Göttinnen widmet. Bereits in den 1970er Jahren hat sie sich von der Malerei gelöst und wendet sich Collagen auf Papier zu. In der gleichen Zeit partizipiert sie an politischen sowie feministischen Bewegungen und fokussiert in ihrem Schaffen auf die Thematik der Frau. Sie gilt als Vertreterin der Emanzipationsbewegung, die den Umgang mit dem weiblichen Körper und den damit einhergehenden sexuellen Inhalten neu darlegt. Durch die Methode des Forschens und Durchsehens der existierenden Erzählungen der Menschheit bringt sie die zum Schweigen gebrachten weiblichen Subjekte der Geschichte und der Mythologie zurück ins Bewusstsein und trägt den Köper des weiblichen Erbes Stück für Stück zusammen mit dem Ziel, falsche bildliche Ausdrücke der Weiblichkeit zu kritisieren und zu ändern. Sie reorganisiert Weiblichkeit mit einer Bildsprache weiblicher Körperlichkeit, indem sie mit bereits existierenden Bildvorlagen arbeitet und versucht, altem, tradiertem Wissen eine neue Aktualität zu verleihen.

In „Sheela and the Acrobats“ spielt sie auf die keltische Göttin Sheela-na-Gig an, die in zwiespältiger Weise als Göttin der Fruchtbarkeit und Zerstörung gedeutet wird. Diese gehören in die mittelalterliche Welt der Architektur, da sie sich meist an den Aussenwänden von Kirchen, Burgen und Gebäuden in Irland und Grossbritannien finden. Über den Ursprung sowie die Bedeutung des Namens herrscht Uneinigkeit. Ausserdem existieren unterschiedliche Ansichten über die Herkunft und den Zweck der Sheelas: Stammen sie aus Frankreich sowie Spanien des 11. Jahrhunderts und erreichten im 12. Jahrhundert Grossbritannien und Irland? Sollte ihre Anbringung an der Aussenwand die weibliche Lust als sündhaft kennzeichnen, sind sie Zeugnisse eines vorchristlichen Fruchtbarkeitkultes oder dienten sie der Abwehr des Bösen? Spero verfügt über verschiedene Versionen und wählt für die besprochene Arbeit den Stempeldruck einer Darstellung, die bei einem irischen Schloss entdeckt wurde.

Der Titel verweist neben Sheela ausserdem auf Akrobatinnen. Zur heidnischen Göttin gesellen sich weitere Wesen in unterschiedlichen Massstäben, die auf das Interesse sowie das umfassende geschichtliche Wissen Speros über antike und archaische Figuren hindeuten. Bei der Erinnerung an matriarchalische Gesellschafts- und Religionsmodelle handelt es sich um eine allgemeine Charakteristik der Feministinnen, in denen sie Ideale vermuteten und die weiblichen Gottheiten auf ihre aktuelle Tauglichkeit hin überprüften. Im Werk ist zum einen eine doppelt dargestellte filigrane weibliche Akrobatin, die sich in Brückenstellung befindet sowie zum anderen eine rennende Athletin, ursprünglich eine Fotografie einer Medaillengewinnerin an Olympischen Spielen, im Bildvordergrund abgebildet. Allen weiblichen Darstellungen ist eine bewusste Abkehr von bestimmten, zugeschriebenen weiblichen Rollenbildern und von der Opferrolle gemein: Sie befinden sich in einem aktiven, dynamischen Zustand und haben jegliche Spur von Passivität abgelegt. Zusätzlich treten sie selbstbewusst, voller Lebensfreude und trotz ihrer Nacktheit ohne Scham auf.

Diese malerischen Elemente aus ikonenhaften sowie typisierenden Figuren erarbeitet sich Spero Zeit ihres künstlerischen Schaffens und legt sich ein sich repetierendes Arsenal von beinahe 500 weiblichen Figuren an. Sie löst diese aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang der Bildquelle und verarbeitet sie mit unterschiedlichen Stilmitteln, wie der Wiederholung, der Rhythmisierung und Farbgebung in ihren Werken, wodurch diese eine Dynamisierung erfahren und in der Form der Papierrollen an Filme erinnern. Sie versammelt durch ihre Druck- und Stempeltechniken eine Fülle von Figuren aus verschiedenen Zeiten und Epochen in einem Raum-Zeitgefüge. Speros Bilder erscheinen wie Zeitabläufe, sie verfügen aber weder über einen Anfang noch ein Ende. Sie sind nicht linear und können in alle Richtungen der historischen Zeiten sowie auf materieller Ebene in die Tiefe der unterschiedlichen Schichten gelesen werden. Den Zugang findet man an vielen Punkten und eine Leserichtung ist nicht vorgegeben, was die Betrachtenden einlädt, ihren Blick umherwandern zu lassen und aktiv eine eigene Geschichte herzustellen.

Karoliina Elmer