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Ohne Titel
  • Aldo Walker
  • Ohne Titel, 1985

  • Latex auf Baumwolle
  • 128.5 x 207.5 cm
  • signiert und datiert verso: "Walker/NY 85"
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung des Kantons Luzern
  • © Nachlass Aldo Walker
  • Jahr von: 1'985
  • Jahr bis: 1'985
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Aldo Walker wird gerne der in den 1970er-Jahren aufkommenden ‹Innerschweizer Innerlichkeit› zugeordnet. Allerdings ist Walkers Werk nur unzureichend gefasst, versteht man es als subjektiven Ausdruck des Künstlers. Sein Schaffen zielt auf die Möglichkeit einer ‹kritischen Kunst›, wobei die Gleichzeitigkeit von Intellektualität und Banalität die Betrachterin und den Betrachter direkt ansprechen, auf sie bzw. ihn wirken, sie bzw. ihn belustigen, aber auch beunruhigen und zum kritischen Denken anregen soll. Das Resultat der Phase von 1979-1989, in der Walker als freier Künstler tätig ist, wird von Stefan Banz treffend «intermolekulare Linienmalerei» genannt. Dies, weil die Werke aus einzelnen, kleineren und grösseren Linien bestehen, die in ihrer Anordnung abstrakte Figuren (zumeist nackte Menschen, aber auch Kühe, Affen, Pferde oder Enten) erkennen lassen.
In diesem Bild ist Walkers zeitgenössischer Stil in Motivik, Figurenkontur und minimalistischer Farbpalette deutlich wiederzuerkennen. Die abstrahierte, nackte, männliche Figur liegt im unteren Bereich des Bildes und wendet den Kopf ab. Der erste Blick verunsichert: Es ist nicht auszumachen, ob es sich um einen Greis oder ein Kind handelt; die Nacktheit, die Körperform und die Zigarette lassen die Figur seltsam altersunbestimmt erscheinen. Der zweite Blick verstört: Sobald erkannt wird, dass der gegen den unteren Rand offene Arm nicht zur Figur gehören kann, löst sich der Schein der ganzheitlichen Figur auf. Die Betrachterin und der Betrachter sind plötzlich mit einer ganz neuen Komposition konfrontiert. Die Irritation über das plötzlich fremd gewordene Motiv bleibt – natürlich gewollt – bestehen. In dieser Irritation liegt das entscheidende Moment der Kunst Walkers, das die kritische Distanz im hermeneutischen Verstehensprozess wahrt.

Jan Miotti