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Femme assise de dos
  • Félix Vallotton
  • Femme assise de dos, 1915

  • Öl auf Leinwand
  • 92 x 73 cm
  • signiert und datiert u. re.: "F. Vallotton. 15"
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung Christof und Ursula Engelhorn, Art Mentor Foundation Lucerne
  • Inv.-Nr. 2016
  • Jahr von: 1,915
  • Jahr bis: 1,915
Description
Provenance
Other

Der weibliche Akt durchzieht als wiederkehrendes Motiv das gesamte Werk von Félix Vallotton. Im Gegensatz zu vielen anderen Aktdarstellungen des Künstlers, in denen das Modell den Betrachter und die Betrachterin mit dem Blick fixiert oder scheu nach unten schaut, ist die Figur im vorliegenden Gemälde von Betrachterin und Betrachter abgewandt und sich des Betrachtetwerdens wohl nicht bewusst. Solche abgewandten Figuren stellte Vallotton zwar immer wieder dar, doch ist die Abwendung hier forciert. Denn mit den eingeschlagenen Beinen, den eng angewinkelten Armen und dem vorgebeugten Kopf scheint die Figur ganz in sich selbst zurückgezogen zu sein, sie erinnert fast an ein Gefäss. Das Ausgestelltsein des entblössten Körpers, das an sich schon kennzeichnend ist für den Akt, erhält hier durch die Abwendung der Figur einen psychologisierenden Unterton. Denn wenn man davon ausgeht, dass der Blick Macht über den oder die Angeblickte verleiht, so bedeutet er ohne jeglichen Blickwechsel mit dem oder der Angeschauten seine oder ihre Verdinglichung. Bezogen auf die «Femme assise de dos» heisst das, dass Vallotton den weiblichen Körper hier ebenso nüchtern und distanziert betrachtet wie das rote Buch, das einzig einen leuchtenden Farbakzent im ansonsten kühlen Bild setzt.
Das grossformatige Figurenbild ist somit in mehrfacher Hinsicht programmatisch für Vallottons Schaffen: Es ist ein repräsentatives und zugleich aussergewöhnliches Beispiel für jene Gattung, der Vallotton in seinem Werk seit 1907 eine auch zahlenmässig grössere Wichtigkeit einräumen sollte. Durch den für den Künstler typischen, kühlen Blick, der in diesem Bild geradezu etwas Abschätziges enthält, wird die Darstellung in einer Weise psychologisch aufgeladen, die Zeugnis ablegt vom nicht unproblematischen Verhältnis Vallottons zum anderen Geschlecht.
Heinz Stahlhut