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Die Jungfrau und der Tod (Tafel Nr. 53 aus dem Totentanz-Zyklus der Spreuerbrücke)
  • Kaspar Meglinger
  • Die Jungfrau und der Tod (Tafel Nr. 53 aus dem Totentanz-Zyklus der Spreuerbrücke), 1630

  • Öl auf Holz
  • 142 x 202 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. G 913x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'630
  • Jahr bis: 1'630
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Die Tafel trägt die Jahrzahl 1630 und gehört zum Zyklus „Lebensalter“, der die Themen „Kind“, „Knabe“, „Jüngling“, „Jungfrau“, „Zwei Liebende“, „Brautpaar“, „Greis“, „Greisin“ behandelt.

Die Jungfrau trägt ein rotes Kleid mit von der Taille bis zum Brustansatz geschnürtem Mieder, darunter eine weisse Bluse mit Halskrause. Über dem roten Rock hebt sich der weisse Stoff einer Schürze ab. In der rechten Hand hält sie eine Nadel, in der linken, die auf ihrem Schoss liegt, ein weisses Tuch, an dem sie gerade stickt. Eine weitere Frau, mit schwarzer Kopfbedeckung, hält eine Spindel in der einen und den Spinnrocken in der andern Hand und schaut ihr bei der Arbeit zu. Hinter der rechten Schulter der Jungfrau sieht man den Arm und den Schädel eines Skelettes, der mit einem gezackten Krönchen geschmückt ist. Heinz Horat beschreibt es im Buch „Die Spreuerbrücke in Luzern“ (1996) als Spitzenhäubchen. Die Kopfbedeckung würde also das Skelett als Dienerin identifizieren. Mit erhobenem Zeigefinger deutet sie auf ein zweites rot gekleidetes Skelett, das vor den beiden Frauen steht und mit der Jungfrau tanzen möchte. Das zerschlissene Kleid ist die Tracht des Henkers. Hinter seinem Rücken verbirgt das Gerippe eine Sichel, das Attribut des Sensemannes. Das dritte Skelett auf der Tafel spielt tanzend die Laute. Auf diese bezieht sich die Inschrift auf der Rahmenleiste: „22. Jungfrauw ich Lad euch an den Tantz/Und fordre ab euwren Kranz/Sambt aller Zierd Lass eüch alein/Die Junfgrauwschafft seyt ihr noch rein.“

Die beiden Frauen sind vertieft in ihre Arbeit. Ihre konzentrierte Körperhaltung und die gesenkten Blicke, die sich auf die Stickerei richten, trennen sie von den Gerippen. Zwei verschiedene Handlungsabläufe sind nur dem Betrachter als in sich geschlossene Geschichte erkennbar. Die lebenden Figuren sind fest mit dem Diesseits verbunden; sie nehmen die Toten nicht wahr. Die Skelette dagegen bemühen sich vergeblich mit allen Mitteln, die Aufmerksamkeit der beiden jungen Frauen auf sich zu lenken, um sie an die Vergänglichkeit des Lebens zu erinnern.
Im Hintergrund erstreckt sich eine Phantasielandschaft. Am Rande eines Kornfeldes erkennt man eine Kirche mit Turm. Die detailreiche Darstellung vieler Einzelheiten und die Gestaltung des Hintergrundes erinnern an die niederländische Genre- und Landschaftsmalerei, von der sich Meglinger oft inspirieren liess.

Bei den Figuren stützt sich Meglinger auf Vorlagen von Jacques Callot (um 1592–1635), den französischen Zeichner und Graveur. Heinz Horat führt in der erwähnten Publikation von 1996 aus, dass es sich bei den beiden Skeletten des Freiers und des Lautenspielers um Figuren aus den „Balli di Sfessania“ von Callot handle. Das rot gekleidete Skelett erinnere an Smaraolo cornuto, der Musiker dagegen an Metzetin aus diesem Zyklus.

Das dreieckige Bildformat, das durch die Hängung unter dem Brückendach vorgegeben ist, stellte besondere kompositorische Anforderungen an den Künstler. Durch den enger werdenden Winkel des Bildträgers gegen oben verkleinert sich die bemalbare Fläche. Meglinger hat den Hintergrund diagonal von links unten nach rechts oben angeordnet. Der narrative Teil der Szene spielt sich im Vordergrund ab. Dieser Bereich wird zudem eingeengt durch die Stifterwappen. Die Personen sind in Seiten-, und schräger Frontalansicht dargestellt und vor den Hintergrund projiziert. Nach den perspektivischen Regeln sind sie zu gross im Vergleich zum Hintergrund, der bereits im unteren Drittel der Bildfläche angesetzt ist. Meglinger braucht für sie die mittelalterliche Bedeutungsperspektive.

„Die Jungfrau und der Tod“ behandelt verschiedene Aspekte des Todes, die in der Weltanschauung des mittelalterlichen Menschen selbstverständlich waren. Die Endlichkeit des Lebens steht in engem Zusammenhang mit der vergänglichen Schönheit der Frau, die, wenn sie mit Eitelkeit gepaart ist, als Laster gilt. Die Jugend und die Frau werden zum Symbol der Eitelkeit, der weibliche Körper zum Symbol von Vergänglichkeit.

Die Stifterwappen von links nach rechts sind: das Wappen Krus mit der Inschrift: „J. Hans Jacob Krus. J. Johann Krus des Grossen Raths 1630“; das Wappen Herzog mit der Inschrift: „F. Maria Herzog; das Wappen Schürmann: F. Elisabett Schürmann“ und ganz rechts noch einmal das leicht veränderte Wappen Krus mit der Inschrift: „J. Johannes Krus des Grossen Rats und des Innern Rats.“

Béatrice Cotter