deutschenglisch
Zwilling
  • Christian Kathriner
  • Zwilling, 2010/2011

  • Installation bestehend aus zwei Türen mit Türfuttern, Eiche massiv, gebeizt, poliert, Bronzegriffe
  • je 338 x 196 cm
  • Kunstmuseum Luzern, Ankauf ermöglicht durch die Landis & Gyr Stiftung
  • Inv.-Nr. 2011.77w
  • © Christian Kathriner
  • Jahr von: 2'010
  • Jahr bis: 2'011
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Die Installation „Zwilling“ wurde für eine Ausstellung mit Werken von Max von Moos (1903–1979) im Kunstmuseum Luzern verfertigt. Christian Kathriner und zwei weitere Künstler waren eingeladen, künstlerische Kommentare zum Werk des bekannten Luzerner Surrealisten zu realisieren. Im letzten Raum dieser Ausstellung stand der Besucher, die Besucherin vor einem verschlossenen, über drei Meter hohen Holzportal und stellte vielleicht etwas irritiert einen Bruch zwischen White Cube und aus anderem Kontext stammendem Architekturzitat fest. Die nach allen Regeln der Tischlerkunst gefertigte und mit Wachs polierte Tür war nicht nur geschlossen, das eingefräste, einem Ziegelmauerwerk entsprechende Muster schuf eine zusätzliche Hemmschwelle. Die Mutigen lockte der Griff zur Türklinke, auch wenn das Zupacken nicht leicht gefallen sein dürfte, zeigte die in Bronze gegossene Klinke doch die Form eines Handabdrucks, womit sich unweigerlich die Frage stellte, wer denn hier seine Hand im Spiel hatte. Trat man durch das Portal, sah man sich in einem leeren Raum mit einer identischen Türe an der gegenüberliegenden Wand konfrontiert, eben einem „Zwilling“. Kathriner spekulierte darauf, dass sich hier eine Enttäuschung einstellen würde, denn auch wenn die architektonische Anlage eine Enfilade von Türen und Räumen suggerierte, so war doch schon vor der zweiten Türe Schluss: sie blieb geschlossen. Der Besucher, die Besucherin kam in ihrer Absicht, vorwärts zu schreiten, nicht weiter, blieb letztlich auf sich selbst zurückgeworfen. Der Installation war damit eine Metaphorik der Vergeblichkeit eigen, und sie reflektierte eine gedankliche Atmosphäre, wie sie in der Kunst von Max von Moos allgegenwärtig ist. Auch seine Figuren sind letztlich Gefangene ihrer eigenen Wirklichkeit.

Doch weitere Kontexte sind zu erwähnen. Die Eichentüre hat eine konkrete Vorlage, nämlich jene Eichentüre im alten Gymnasium von Sarnen, durch die der Gymnasiast Christian Kathriner zu seinem Zeichnungsunterricht schritt. Neben diesem biografischen Bezug hat die Arbeit auch einen kunsthistorischen Background. Eine der berühmtesten Türen der Kunstgeschichte ist jene von Marcel Duchamp (1887–1968) in der Installation „Etant donnés: 1° la chute d’eau / 2° le gaz d’éclairage“, 1946–1966. Diese Türe, die notabene von einer Backsteinmauer eingefasst ist, thematisiert ein grundsätzliches Problem des bildnerischen Gestaltens. In Anspielung auf die Metapher des Bildes als Fenster, das uns die Fiktion beschert, wir könnten eine Wiederholung der realen Natur sehen, schuf Duchamp eine vertrackte Installation, die den Blick von einem Raum in einen anderen real aufgreift. Die beiden Löcher in der Türe, durch die man sehen kann, bieten eine Fiktion der realen Natur (wie beim Bild als Fenster) und eine ’reale Natur‘, die von einer Fiktion handelt: Zu sehen ist ein inszenierter Handlungsschauplatz mit einem entblössten Frauenkörper in freier Natur. Alles ist derart echt drapiert, dass wir uns anstrengen müssen, den Wasserfall nicht als ein tatsächliches Naturschauspiel oder die Schaufensterpuppe nicht als wirklichen Menschen wahrzunehmen. Unser Sehen ist somit von einer Täuschung herausgefordert, denn wir wissen, dass das Gesehene hinter der Türe, die nicht geöffnet werden kann, im Raum real vorhanden ist, das sich dabei einstellende ’Bild‘ jedoch auf eine Fiktion zielt.

Bei Christian Kathriner lässt sich die Türe öffnen. Dem Besucher, der Besucherin wird damit in kurzer Folge die Erfahrung des Werweissens (vor der geschlossenen Tür), der Vergewisserung (beim Eintreten in den Raum) und des erneuten Nachsinnens (vor der zweiten Tür) ermöglicht. Kathriners Zwillingstüren handeln vom Eintreten bezw. der Zutrittsverweigerung. Dass beides von einer Person, und zwar von einer ganz bestimmten, abhängig ist, darauf verweisen jene heimtückischen Türklinken, die ja in irgendeine Hand passen müssen. Das Fiktionale, das sich an diesem eigenartigen Ort aufbaut, handelt demnach von der Abwesenheit einer Person, die über eine gewisse Macht über uns verfügt.

Christoph Lichtin