deutschenglisch
Œillets roses et livres
  • Félix Vallotton
  • Œillets roses et livres, 1911

  • Öl auf Leinwand
  • 73.5 x 60.5 cm
  • signiert und datiert oben links: "F. VALLOTTON . 11"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Bernhard Eglin-Stiftung
  • Inv.-Nr. M 98.3x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'911
  • Jahr bis: 1'911
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Die gelben Bücher auf dem Tisch in „Œillets roses et livres“ (Abb. S. 079) konnten Vallottons Zeitgenossen unschwer als Ausgaben des Mercure de France erkennen. Dieses Magazin besprach die wichtigen aktuellen Ausstellungen, veröffentlichte Texte zeitgenössischer Autoren und kommentierte, etwa mit Befragungen von Künstlern, das kulturelle Zeitgeschehen. Ab den 1890er Jahren erschienen im Mercure de France regelmässig Illustrationen mit Vallottons Holzschnitten.
Kunstliteratur gehörte zum festen Inventar in Vallottons Atelier. Ihr widmete er nicht nur ein Gemälde, das einen ganzen Bibliotheksschrank damit gefüllt zeigt, sondern einzelne Exemplare des Mercure de France erscheinen auch in diversen weiteren Gemälden. In „Œillets roses et livres“ von 1911 sind die gelben Bücher mit einem Blumenstrauss kombiniert. In der Vase stehen rosa, weisse und rote Nelken.

Geschnittene Blumen – und Nelken erst recht – gelten in der Malerei seit jeher als Vanitas-Symbol, als Zeichen der Vergänglichkeit. Demgegenüber sind die Bücher als kulturelle Zeitdokumente zu lesen, welche Botschaften über den Moment hinaus bewahren können. Doch Vallotton hat in seinem Atelier die „Nature morte“ mit den Büchern und den grauen Stoffen in eine spezifische Konstellation gebracht. Der Strauss überstrahlt die Szenerie, er nimmt den Büchern das Licht und so auch etwas von ihrer Leuchtkraft, als werfe die Vergänglichkeit ihren Schatten auch auf die Kunst.

Vallotton hat mit anderen Künstlern wie Cézanne und Picasso die Gattung des Stilllebens für das 20. Jahrhundert neu entdeckt. Der neutrale Raum des Ateliers dient als Folie für die Erforschung der Malerei am Objekt. Vallotton zeigt die einfachen Dinge wie sie sind, unscheinbar, manchmal fast langweilig. Seine Stillleben sind ein Bruch mit der Tradition. Von den bisweilen opulenten Vorbildern hat er einzelne Elemente isoliert: Er malt einen blanken Tisch mit wenig Gemüse, ein Stück Fleisch auf neutralem Stoff, einen abgelegten Blumenstrauss. Die ins Licht gerückten Objekte sind in einer Zeit des totalen Umbruchs der Malerei eine kühne Antwort auf die Frage, was überhaupt als bildwürdig angesehen werden kann.

Christoph Lichtin