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Ohne Titel
  • Verena Loewensberg
  • Ohne Titel, 1966

  • Öl auf Leinwand
  • 101 x 101 cm
  • signiert und datiert verso: "Loewensberg 66"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 94.3x
  • © Nachlass Loewensberg-Coray
  • Jahr von: 1'966
  • Jahr bis: 1'966
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Viktor Lüthy veranlasste als Präsident der Bernhard Eglin-Stiftung in den 1980er Jahren, die Lücke an konstruktiver Kunst im Kunstmuseum Luzern durch gezielte Ankäufe von Werken der „Zürcher Konkreten“ zu schliessen. Im Sommer 1986 beauftragte ihn die Galerie Fischer während den Internationalen Musikfestwochen eine Ausstellung zusammenzustellen. In einem Überblick vom „Kubismus in die Abstraktion“ versuchte Lüchty alle wichtigen Schweizer Vertreter der Avantgarde in dieser Verkaufsausstellung zu vereinen. Das von Verena Loewensberg gezeigte Werk gelangte anschliessend an diese Ausstellung in die Sammlung des Kunstmuseum Luzern.

Das Werk trägt wie alle Arbeiten von Loewensberg keinen Titel. Loewensberg liess diese bewusst weg, um den Betrachter nicht abzulenken und vorgängig zu belasten. Das Werk soll für sich selbst und im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Farblich abgestufte, pastellene Felder der Grundfarben Rot, Gelb und Blau gruppieren sich um ein auf die Spitze gestelltes weisses Quadrat. Ohne Konturen stossen die Farbflächen aneinander. In einer leichten Drehbewegung greifen vier gleich geformte Elemente zu den Bildecken hin. Zwischen diese in Gelb- und Rosa-Tönen gehaltenen Flächen schieben sich hell- und dunkelblaue Dreiecke, die mit der Spitze jeweils die Ecke des mittigen Quadrates berühren. Die Hell-Dunkel-Variationen der jeweiligen Farbe stehen sich diagonal gegenüber. Trotz Wiederholungen der geometrischen Formen und einer gewissen Symmetrie in der Gruppierung verharrt das quadratische Bild nicht in einer Statik. Verschiedene Spiegelachsen überlagern sich; die geometrischen Formen sind angeschnitten, vergleichbar mit den über Eck gestellten Werken von Max Bill (Vgl. KML M 83.18x) dehnen sich die Formen über den Bildrand aus. Die klar definierten Flächen erweisen sich als offene Formen, die im Geiste des Betrachters weitergeführt werden können. Der zentrale Platz des weissen Quadrats sowie die Rotation der Farbflächen um diese leere Mitte, sind (Konstruktions-) Elemente, die im Werk von Verena Loewensberg immer wieder auftauchen. Ein Gleichgewicht aus Bewegung und Ruhe ergibt sich und wiederspiegeln Loewensbergs Interesse für den Taoismus, der die Leere als kreatives Moment begreift.

Die Ölfarben sind präzise und sorgfältig auf die Leinwand aufgetragen, der Pinselstrich ist praktisch eliminiert. Einzig die sich fein abzeichnenden Leinwandfasern strukturieren leicht die Oberfläche. Die Farben sind zur reinen Fläche geworden. Loewensberg näherte sich in Vorstudien auf Millimeterpapier mit Farbstiften jeweils ein erstes Mal dem Thema an, legte das Format und die Verhältnisse der einzelnen Flächen zueinander fest. Mittels Stecknadeln übertrug sie anschliessend die wichtigsten Konstruktionspunkte der vergrösserten Ausführung im Massstab 1:1 auf die Leinwand, malte die entstandenen Farbflächen an ihrem Arbeitsplatz (nicht etwa an einer Staffelei!) aus und vernichtete schliesslich die Studie; sie dienten ihr bloss als Mittel zur Bildfindung. Das Resultat sind Bilder, die sich durch eine ausgewogene Kombination von strengem geometrischem Aufbau und lyrischem Gebrauch von Formen und Farben auszeichnen.

Anne-Laure Jean