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Snake Hoods and Dragon's Dreams (Griechische Stücke Nr. 8)
  • Jochen Gerz
  • Snake Hoods and Dragon's Dreams (Griechische Stücke Nr. 8), 1977

  • Video, U-Matic, s/w, Ton
  • beschriftet auf Kassette: "JOCHEN GERZ; J.G. IN STUDIO GALERIE MIKE STEINER/1. SNAKE HOODS/2. Marsyas II"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 83.17:2v
  • © 2007, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1,977
  • Jahr bis: 1,977
Description
Provenance
Bibliography
Other

Das Schwarzweißvideo dokumentiert die Performance in der Galerie Mike Steiner in Berlin am 12. August 1977. Es zeigt zu Beginn den Blick auf eine vor eine weiße Wand gespannte Schlangenhaut. Zu hören ist sibirische Volksmusik. Die Kamera fährt langsam zurück und gibt den Blick frei auf eine etwas erhöhte Bühne, die einen weißen Raum bildet, in dem Jochen Gerz auf einem Stuhl im Profil zum Betrachter und den Zuschauern der Performance sitzt. Er blickt auf einen auf dem Boden stehenden Fernseher, der die Schallquelle für die Musik ist. Gerz sitzt zusammengesunken da, bewegt sich kaum und macht mitunter den Eindruck einzuschlafen. Diese Haltung behält er ungefähr acht Minuten bei, bevor er sich dann zum Boden beugt und ein Rasiermesser aufhebt, das er bedächtig aufklappt. Mit sehr langsamen Bewegungen verteilt er Rasierschaum auf seinen Haaren über der Stirn und beginnt diese Stelle zu rasieren. Das schabende Geräusch des Rasiermessers ist zusammen mit der Musik aus dem Fernseher zu hören. Er hebt die herabgefallenen Haare vom Boden auf und drückt sie auf die Schlangenhaut, wo sie kleben bleiben. Diesen Vorgang wiederholt er so oft, bis er einen breiten Streifen in der Mitte seines Kopfes kahl rasiert hat. Anschließend geht er in der linken Ecke seines Raumes – wiederum im Profil zu den Betrachtern – in die Hocke und beginnt damit, sich Deckfarbe auf die rasierte Stelle zu schmieren. Er beugt sich mit dem Kopf nach unten und fängt an, eine Linie parallel zum Rand der Bühne zu malen. Dabei vollzieht er schwerfällige anstrengend wirkende Bewegungen in der Art einer Liegestütz, wobei sein lautes Atmen zu hören ist. Kurz bevor er den Rand der Bühne erreicht hält er inne und fällt erschöpft auf seinen gemalten Farbstreifen. Das Video bricht an dieser Stelle ab.

Gerz’ Performances, die untrennbar mit seinen anderen künstlerischen Tätigkeiten verknüpft sind, entstehen aus seinen Aktionen im öffentlichen Raum Ende der 1960er Jahre und sind schon in der Werkgruppe der so genannten „Foto/Texte“ vorbereitet. Gegen das Verständnis eines Kunstwerks als materiellem Objekt geht es Gerz darum, „kulturelle Verhaltensformen als soziale Gewohnheiten sichtbar und veränderbar zu machen“ („Das Leben ist keine Performance. Performance bei Jochen Gerz“, Molderings, 1985, S. 201) und damit eine Verbindung zwischen Kunst und Leben herzustellen. Genauso kritisiert Gerz die Fixierung auf materielle Dinge im Alltag und in den Beziehungen zwischen Menschen. Als Mittel dazu dient ihm die Performance, die im Gegensatz zum traditionellen Kunstwerk ephemer bleibt und sich nicht in einem fertigen Produkt manifestiert. Hier kann er mit einfachen Mitteln eine Wirkung erzielen. Er verwendet in erster Linie seinen Körper und einige Werkzeuge wie Fernseher, Tische, Stühle sowie immer wieder braune Abdeckfarbe.

Häufig transferiert er Teile einer Performance in eine weitere, womit er das Prozesshafte seiner Arbeit in den Vordergrund stellt. So tauchen zum Beispiel sowohl das Video der Performance „Snake Hoods & Dragon’s Dreams“, als auch die Schlangenhaut selbst in der Performance „ABC des Lesens“ 1979 im Centre George Pompidou in Paris wieder auf.

Im Zyklus „Griechische Stücke“ von 1975 bis 1979 beschäftigt sich Jochen Gerz mit den Protagonisten der griechischen Mythologie, mit ihrem Leiden, ihrem Beziehungsgefüge und ihren Listen. Gerz selbst wird in „Snake Hoods and Dragon’s Dreams“, das als Stück # 8 in diesen Zyklus gehört, zum Protagonisten, der beim Versuch die sich selbst gestellte Aufgabe zu meistern, scheitert. In seinen Aufzeichnungen zu dem griechischen Stück # 5, „Die Schwierigkeit des Zentaurs beim vom Pferd steigen“, im deutschen Pavillon der Biennale in Venedig im Jahr 1976 realisiert, finden sich Notizen, die in einem inhaltlichen Bezug zu „Snake Hoods and Dragon’s Dreams“ stehen. In beiden Arbeiten geht es um die Eroberung Trojas mit Hilfe einer List. „Denn die Schlangen haben das Pferd verteidigt gegen L. [aokoon], der davor warnte. Weil im Pferd die List war“ (Jochen Gerz zitiert nach Shalev-Gerz 1985. S. 101). Wie in diesen beiden Fällen wird auch in der Performance „Marsyas“ (KML 83.17:1v) ein Teilstück aus dem Mythos – hier bezeichnenderweise jeweils ein Tier – herausgenommen und in einen neuen Kontext gestellt. Hier ist es die Schlange, die jedoch als tote Schlangenhaut an die Wand gespannt ist; sie ist hier gerade keine Handlungsträgerin mehr wie noch im Mythos.

Katharina Wetzel