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EINSTEIN, STEIN AND WITTGENSTEIN
  • James Lee Byars
  • EINSTEIN, STEIN AND WITTGENSTEIN, 1984/1989

  • Steine, vergoldet
  • 10.5 x 23.5 x 16.5 cm
  • signiert und datiert verso: "BYARS/84"; "BYARS"; "BYARS"
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung Sammlung Toni Gerber
  • Inv.-Nr. 2009.42w
  • © Estate of James Lee Byars, Courtesy Galerie Michael Werner Berlin, Köln und New York
  • Jahr von: 1'984
  • Jahr bis: 1'989
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Die dreiteilige Skulptur „EINSTEIN, STEIN AND WITTGENSTEIN“ von 1984/1989 setzt sich aus drei vergoldeten Steinen von unterschiedlicher Grösse zusammen (vgl. auch KML 2009.41w). Die Steine sammelt James Lee Byars 1984 auf der Furka und lässt sie fünf Jahre später vergolden. Die Signatur stammt von 1993. Byars fertigt seine Objekte nicht selbst, im Sinne des klassischen handwerklichen Entwerfens an, sondern sie werden nach seinen Anweisungen geschaffen.

Die Arbeit kann als Hommage an die drei von Byars am meisten bewunderten Persönlichkeiten gelesen werden. Nebst dem Begründer der Relativitätstheorie Albert Einstein, zu dem Byars sagt: „Einstein was the creative philosophic mind of the century and I have been the creative literary mind of the century“, und dessen Beschäftigung mit dem Thema Zeit, schätzt der Künstler ebenso die Autorin Gertrude Stein und den Philosophen Ludwig Wittgenstein. Byars hat nur Bruchstücke aus Wittgensteins Werk gelesen und sieht in ihm hauptsächlich eine Kultfigur der 1960er Jahre. Gemäss Byars müssen die aussergewöhnlichen Denker aufgespürt werden, um das Aussergewöhnliche zu erreichen. Die Performance, die er 1970 anlässlich der Eröffnung einer Gedenkausstellung für Gertrude Stein im Museum of Modern Art in New York aufführt, betitelt er bezeichnenderweise mit „Stein, Einstein, Wittgenstein“. Dieselbe Performance führt er bereits ein Jahr zuvor am Chapman College in Orange, Kalifornien auf. Zugleich entwirft er während der 1970er Jahre mehrere Textarbeiten, die sich formal und inhaltlich an Steins Werk – deren Wortspiele ihn begeistern – orientieren, und die Byars mit Abstraktionen und Wiederholungen anreichert. Seine Liebe für das Spiel mit Namen widerspiegelt sich exemplarisch in der Bezeichnung „Einstein, Stein and Wittgenstein“.

Nebst der Referenz an die drei Intellektuellen zeugt der Titel auch von Byars’ Ehrfurcht vor Steinen, auf die er in seinem Werk immer wieder Bezug nimmt. Steine assoziiert er zugleich mit literarischen Quellen bzw. mit dem Gedankengut des Autors oder der Autorin. Werden die Steine als eine Art 'textlose' Bücher verglichen, so kann daraus ebenso eine Erkenntnis gewonnen werden. Insofern ist die vorliegende Arbeit auch Byars’ eigene Art des 'Buchschreibens'. Vermutlich durch die chinesischen Gelehrtensteine („Gongshi“) und durch Besuche im alten Ryoanji-Steingarten in Kyoto zu seinen Steinarbeiten angeregt, ist seine Faszination dafür sowohl phänomenologischer als auch spiritueller Natur. In China werden Steine einerseits für religiöse und andererseits für ästhetische Zwecke gesammelt, wobei ihre Grösse je nach der Verwendung (für Lehrzwecke kleiner als für die Gärten) variiert. Die dreiteilige Skulptur „EINSTEIN, STEIN AND WITTGENSTEIN“ repräsentiert insofern auch die Wissenschaften der drei Vertreter und deren Ideengut: Physik, Literatur und Philosophie.

Patrizia Keller