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My Love to Étienne
  • Michael Buthe
  • My Love to Étienne, 1969

  • Stoff über Keilrahmen
  • 162 x 291 x 15 cm
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2009.91x
  • © 2011, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'969
  • Jahr bis: 1'969
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Michael Buthes grossformatige Arbeit „My Love to Etienne“ besteht aus zwei, in verschiedenen Violettönen eingefärbten Stoffen, die über das hölzerne Gerüst eines einfachen Spannrahmens montiert sind. Der aufgrund dieser formalen Anordnung entstehende Eindruck eines monochrom gehaltenen Tafelbildes wird im linken Bereich der Arbeit abrupt aufgebrochen. Tiefe Schnitte ziehen sich durch den aufgespannten Stoff, der nun in zahlreichen Fetzen ungeordnet herunterhängt und den Blick auf das rechtwinklige, hölzerne Skelett des Rahmens und die dahinterliegende Wand freigibt. Die langen Schnitte, die Risse und die herabhängenden Fetzen des grobfaserigen Stoffes verleihen der künstlerischen Arbeit eine sehr haptische Qualität und suggerieren einen ganz unmittelbaren, an die physische Präsenz des Künstlers gekoppelten Entstehungsprozess. Im Werktitel mögen in diesem Sinne bestimmte Assoziationen anklingen, der wissenschaftlichen Aufarbeitung gelingt jedoch keine Konkretisierung, der genannte Etienne bleibt unbestimmt.

„My Love to Etienne“ entsteht im Jahre 1969 und fällt demnach in die Zeit vor Buthes erster Reise nach Marokko. Dies ist insofern relevant, als dass die vom Künstler seit den frühen 1970er Jahren zahlreich unternommenen Reisen in den Maghreb und nach Afrika sowohl eine visuelle als auch eine formale Zäsur in seinem künstlerischen Œuvre darstellen. Inspiriert durch die Konfrontation mit anderen, fremden Kulturen und in seiner Auseinandersetzung mit einem auch stereotypisierten Orientbild schafft Buthe etwa ab 1970 farbenprächtige Zeichnungen, Gemälde und Objekte. Er verwendet Goldpapier, Wachs oder Blütenblätter und setzt sich in diesem Sinne deutlich von seinem Frühwerk der 1960er Jahre ab (Vgl. beispielsweise KML 691w oder KML L 90y). Seit 1965 besucht Buthe die Hochschule der Bildenden Kunst in Kassel und studiert bei documenta-Begründer Arnold Bode. Seine künstlerischen Anfänge sind unter anderem geprägt von den damals bedeutenden Denkkonzepten der Arte Povera und deren Tendenz zu einer enthierarchisierenden Erweiterung der verwendeten Materialien (wie beispielsweise Holz, Stoff oder Bindfaden). In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre schafft Buthe reduzierte Tusch- und Aquarellzeichnungen, erste einfache Collagen mit Wellpapier zeugen von seinem Interesse am Raum und von seinen frühen Versuchen, die Zweidimensionalität des Papiers, der Leinwand zu überwinden. Angelehnt an die Arte Povera und deren Diktum der kaum oder nur ganz sparsam geformten Materialien gestaltet der sich später gerne als exzentrischer „Michel de la Sainte Beauté“ inszenierende Künstler erste einfache Objekte aus Holz und Stoff. So besteht beispielsweise ein als „Stangenobjekt“ betiteltes Werk von 1969 lediglich aus Holzstangen, die – auf gefärbte Leintücher gebettet – an eine Wand gelehnt sind.

Ebenfalls in diesem Kontext entstehen etwa ab 1967 erste Entwurfszeichnungen und Experimente mit der Leinwand als Bildträger. Mit Blick auf die reduzierte Materialität spielt Buthe mit dem räumlichen Potential von Leinwand und Holz. Bald unterlaufen Schnitte und Risse die Form des tradierten Tafelbildes. Bis 1969 entstehen zerrissene Leinwände von ganz unterschiedlicher Erscheinung. Mal bestehen sie wie „My Love to Etienne“ aus grossformatigen Keilrahmen, an denen wild zerschlitze Leinwandwetzen herunterhängen, mal sind es Werke mit monochromen Bildcharakter, die geschlossener sind und keinen Durchblick auf die dahinterliegende Wandfläche zulassen. Die Leinwände sind einfarbig, schwarz oder weiss, aber auch bunt eingefärbt. Ab und an kommt Lack oder Wachs zum Einsatz um die Stofffetzen zu fixieren. 1969 stellt Buthe einige seiner Stoffbilder erstmals in einem Museum aus. Anlässlich der Ausstellungseröffnung im Von der Heydt-Museum in Wuppertal näht Buthe – statt die erwartete Rede über seine Arbeiten zu halten – gemeinsam mit Ausstellungsbesuchern die zerrissenen Leinwände wieder zusammen. Im selben Jahr zeigt Harald Szeemann die Werke anlässlich der Präsentation „When attitudes become form“ in der Berner Kunsthalle.

Mit Blick auf den kunsthistorischen Kontext verweist „My Love to Etienne“ ebenso wie die ähnlich gestalteten Werke beispielsweise auf Lucio Fontanas (1899–1968) seit 1958 entstehende Werkserie der „Tagli“. Die auf monochrom eingefärbten Leinwänden angebrachten Schnitte evozieren räumliche Dimensionen und zeugen analog zu Buthe Stoffbildern von der Überwindung, ja von der Zerstörung der Leinwand als klassischer Bildträger der Malerei. Hinsichtlich Buthes künstlerischem Œuvre mag das in kräftigen Farben gehaltenen „My Love to Etienne“ bereits einen Bruch mit seinen, in der reduzierten Farbigkeit der Arte Povera verhafteten künstlerischen Anfängen andeuten. Die verwendeten Purpur-, Pink- und Violettöne zeugen von seiner Lust nach Farbe; die christlich-liturgische, aber auch mystische Konnotation der Töne verweist auf einen Wunsch nach Spiritualität, nach wie auch immer geartetem Glaube. Ein Aspekt, der sich in Buthes künstlerischem Schaffen ab den 1970er Jahren deutlich abzeichnen sollte. Der geheimnisvolle, aber auch emotionsbehaftete Werktitel evoziert Sehnsüchte. Michael Buthes erste Reise 1970 nach Marokko, sein Ausbruch aus der europäischen Kunstwelt mag derartige Sehnsüchte und Wünsche gestillt haben.

Gioia Dal Molin