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Ritt nach Sevilla
  • Frank Buchser
  • Ritt nach Sevilla, 1861

  • Öl auf Leinwand
  • 85.5 x 122 cm
  • signiert unten rechts: "F. Buchser"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. C 7x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'861
  • Jahr bis: 1'861
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Ab Juni 1860 weilt der abenteuer- und reisefreudige Frank Buchser bereits zum dritten Mal in Spanien, wo er zunächst in Medina Sidonia, dann in Sevilla arbeitet. Der "Ritt nach dem Markt von Sevilla" dürfte kurz vor seiner Abreise nach London entstanden sein, wohin er die gesamte spanische Ausbeute transferiert, zu Recht auf eine finanzkräftige grossbürgerliche Kunstklientel hoffend.

Buchser siedelt die Genreszene im gebirgigen Hochland Andalusiens an. Am vorderen Bildrand quält sich ein schwer beladener Esel in der spanischen Mittagssonne eine kleine Anhöhe hinauf. Neben der Ware, bestehend aus mehreren Decken, Hühnern und zwei wuchtigen aufgerollten Teppichen aus Spartogras, transportiert das Tier zwei Gestalten zum Markt von Sevilla. Der Espartohändler, ein wettergegerbter Andalusier mittleren Alters, trägt ein weisses Hemd, eine fleckige blaue Hose mit Gamaschen und roter Schärpe und eine braune, ungemein stofflich gemalte Wolljacke. Auf dem Kopf balanciert er einen schief aufgesetzten, breitkrempigen Sombrero, so dass darunter ein rot gemustertes, im Nacken zusammengeknüpftes Kopftuch hervorlugt. Selbstsicher hat er seine Rechte in die Hüfte gestemmt, während er in der anderen Hand nachlässig die Gerte für den Esel hält. Hinter ihm sitzt eine junge Frau in einem blau-roten Kleid und einem hellen Kopftuch. Der vom Künstler auf der Leinwandrückseite angebrachten Inschrift zufolge ist sie seine Tochter. Die junge Frau befindet sich offensichtlich in heiratsfähigem Alter, weshalb sie fälschlicherweise oft für die Ehefrau des älteren Händlers gehalten wird. Vater und Tochter wenden ihre Blicke einem jungen Burschen zu, der auf einem etwas klein geratenen Esel aus anderer Richtung zu ihnen stösst. Obwohl die Gesichter aller drei Protagonisten teilweise verdeckt werden oder im Schatten liegen, scheint der anekdotische Inhalt des Bildes klar zu sein: Der Junge sucht hoffnungsvoll lächelnd den Blickkontakt mit dem Mädchen, den diese hinter dem Rücken ihres Vaters gewährt. Der alte "Espartero", der in punkto Grösse und Position den eigentlichen Mittelpunkt des Gemäldes bildet, scheint dem Jungen durchaus wohlgesinnt zu sein, auch wenn seine Körperhaltung und die leicht zusammengekniffenen Augen klar machen, dass eine allfällige Beziehung der beiden nur mit seinem ausdrücklichen Einverständnis in die Wege geleitet werden kann.

Das Gemälde lebt von den äusserst stofflich wiedergegebenen Details, wie beispielsweise dem geschmückten Halfter und den bemalten Scheuklappen des einen Esels, die gleichzeitig von Buchsers Interesse für das Folkloristische zeugen. Das Kolorit ist gedämpft und bewegt sich zwischen erdigen Brauntönen und einem gebrochenen Blau. Aufgelockert wird es durch verschiedene rote Akzente in Weste, Schärpe, Kopftuch, Hühnerkämmen, Halfter, Bluse und Ohrringen. Den Eindruck von Hitze und Trockenheit verstärkend, liegt ein zarter gräulicher Schleier über dem Gemälde, gleichsam als hätte der Esel den Staub der Strasse aufgewirbelt.

Nicht seines anekdotischen Gehalts wegen, sondern hauptsächlich hinsichtlich seiner lichtmalerischen Qualitäten, die "den Beschauer in den heissen Süden" versetzen und ihn "die Glut eines Sommertages so recht mitempfinden lassen", wurde das Gemälde in der zeitgenössischen Presse gelobt. 1864 wurde es mittels Bundesbeiträgen vom Schweizerischen Kunstverein erworben und zu Sammlungszwecken an die Luzerner Kunstgesellschaft übergeben. Frank Buchser war somit einer der ersten Künstler, der in den Genuss einer durch den Bund subventionierten Kunstförderung kam, nota bene einer Kunstpolitik, die der Maler selbst initiiert hatte.

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