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es geht ja ganz ganz langsam – also hat man zeit – sich daran zu gewöhnen
  • Tatjana Marusic
  • es geht ja ganz ganz langsam – also hat man zeit – sich daran zu gewöhnen, 2004

  • Videoprojektion bestehend aus drei Teilen, Video-Pal mit Stereo-Ton, Auflage: 1/5
  • signiert auf Zertifikat: "Tatjana Marusic"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2005.78v
  • © Tatjana Marusic
  • Jahr von: 2,004
  • Jahr bis: 2,004
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Wie von Geisterhand bewegt, gleitet die Kamera über die Fotografien aus dem Familienalbum. Sie geht ganz nah ran, wir spüren förmlich die Oberfläche der Abzüge, wir nehmen jeden Kratzer, jede vergilbte Stelle wahr, verlieren uns in Hintergründen und Details, die in ihrem grob sichtbaren Korn, den kleinen mitbelichteten Staubfäden und den verbleichenden Farben in der Grossprojektion an der Wand zu riesigen, sanft strukturierten, manchmal monochromen Gemälden mutieren, um wieder Halt zu finden an den Protagonisten, die von links und von rechts, von oben und von unten, in strammem, geradem Kurs oder in wunderbaren Schwenken und Schlaufen durchs Bild geschoben werden. Es sind nur einige wenige Fotografien aus dem Album der Mutter, die hier akribisch erkundet werden, mit einer Intensität, als gelte es, das unter die Oberfläche gebannte Geschehen wieder zum Leben zu erwecken, mit einer Zärtlichkeit, dass wir uns nicht wundern, wenn es vor unserem inneren Auge auch tatsächlich zu leben beginnt.

Dabei vergeht die Zeit, im Takt der Uhr, im Lauf der Jahre, den Gesetzen der Geschichte gehorchend. Die Generationen gleiten an uns vorüber, es wird gearbeitet, gegessen, getrunken, geliebt, geheiratet, geboren, genesen, gestorben, gefeiert, getrauert, gehofft, gelacht, geträumt. Der monumentale Film an der Wand vor uns eröffnet einen Blick in den Schmelztiegel des Lebens, als wolle uns die Künstlerin daran gewöhnen, dass alles geht und wiederkommt, vielleicht daran, wie einfach es wäre, erfüllt zu sein.

Der Arbeit ist ein Soundtrack (von Charles Moser) unterlegt, der weit mehr als nur illustrative Funktion wahrnimmt und in seiner Getragenheit viel zum Gesamterlebnis beiträgt. Nie überschreitet er – wie übrigens auch der Bilderreigen selbst – die Grenze zur Überhöhung, auch nicht, wenn etwa zu den Hochzeitsbildern eine erlösende Liebesmelodie erklingt, fett mit Streichern orchestriert, die unsere Herzen zum Schmelzen bringt. Damit korreliert der Ton bewusst mit der hohen Emotionalität von Ereignissen, deren Vermittlung durch Bilder oder eben solche Ohrwürmer oder beispielsweise bestimmte Gerüche plötzlich eine präzise Erinnerung auszulösen vermag. Es ist nur folgerichtig, dass die schwülstige Melodie in ein wunderbar falsches Pfeifen ausklingt, gerade so, als hätte sie sich schon im eigenen Gedächtnis festgehakt. In ihrer Rhythmik akzentuiert die Tonspur den Puls der unaufhaltsam fortschreitenden Zeit, aber auch den Herzschlag des Lebens. Dem Sog der Zeit ist nicht zu entrinnen. Das Moment des Vergänglichen ist ebenso präsent wie das der Erneuerung. Dem zyklischen Naturgesetz des Lebens entsprechen auf der formalen Ebene die vielen ruhig kreisenden Bildbewegungen, die Sanftheit der Überlagerungen, der Verzicht auf harte Schnitte.

Die drei Projektionen sind so platziert, dass sie nicht satt aneinander stossen, sondern sich an den Rändern in Form von zwei vertikalen Streifen überlagern. Zum Schluss nutzt Marusic in zwei markanten Einstellungen die bedeutungsvolle Achse, die das mittlere Feld eines Triptychons naturgemäss bildet. Wie eine Säule schiebt sich von unten das Gesicht der Grossmutter ins Zentrum, während auf den Seitenflügeln die auf einem Gruppenfoto aufgestellten Familienmitglieder Gesicht für Gesicht, Reihe für Reihe mit präzisen rechtwinkligen Kamerabewegungen abgefahren und gemustert werde, bis dann in einer Art Epilog tiefrot von oben ein kleines Mädchen langsam ins Bild hinab schwebt. Im Hintergrund summt eine kindliche Stimme ansatzweise einige Melodiefetzen aus dem berühmten tschechischen Aschenbrödelfilm. Klein-Tatjana hat den rechten Arm mit ausgestreckter Hand angewinkelt über die linke Brust gelegt, ihr Blick ist erhaben, mit Würde und Stolz stellt sie sich dem Leben. Majestätisch schlagen Trommeln und Pauken einen langsamen Marsch und beginnen, die Aschenbrödelmelodie zu überdecken. In den seitlichen Projektionen gleitet die Kamera währenddessen über prachtvolle, unter einer dünnen Eisschicht konservierte Blüten. Sie folgt in diesen real gefilmten Szenen in Nahaufnahme einem Finger, der zärtlich die glänzende Schönheit ertastet, als gelte es, eine unter der Oberfläche verborgende Essenz wiederzuerwecken, ohne deren fragile Hülle zu zerstören. Ob Grabschmuck oder verwehrte Lebenskraft, in der Mitte reckt wie der Phönix aus der Asche das Mädchen im roten Pullover. Über das versiegende Gesumme im Hintergrund triumphiert der Marsch. Oder doch nicht? In der abschliessenden Schwarzblende erklingt der letzte, abgebrochene Ton Aschenbrödels.

„es geht ja ganz ganz langsam – also hat man zeit – sich daran zu gewöhnen“ schöpft Kraft der Erinnerung an die vielen kleinen und grossen Ereignisse, die zusammen das geballte Erleben eines Familienkollektivs ausmachen, neue Lebenskraft. Obwohl es sich um eine sehr private Arbeit handelt, reicht sie weit über den Ausdruck einer persönlichen Befindlichkeit hinaus. Exemplarisch vermisst Marusic ihr Familienalbum, rekonstruiert die eigene Erinnerung und kombiniert die bildlich überlieferten Zeugnisse zu neuen Zusammenhängen. Eine Arbeit, die Sinn zu generieren hilft, eine Arbeit geradezu von kosmologischer Dimension.

Peter Fischer