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Aus der Serie: Nach der Natur. M1
  • Rémy Markowitsch
  • Aus der Serie: Nach der Natur. M1, 1992

  • RC-Print, Eisen, Acrylglas, Holz, dreiteilig, Auflage: 1/3
  • je 120 x 87 cm
  • jeweils signiert, nummeriert und bezeichnet verso, mit Bleistift: "MI I/3 R. MARKOWITSCH 1992"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. GH 92.223:1-3x
  • © Rémy Markowitsch
  • Jahr von: 1'992
  • Jahr bis: 1'992
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Rémy Markowitschs dreiteilige Installation „M1“ (1992) aus der Serie „Nach der Natur“ besteht aus grossformatigen Fotografien, die in schwarz-weiss Tönen gehaltene, menschliche Figuren zeigen. Die genauen Konturen und die Gesichtszüge der abgebildeten Menschen erscheinen jedoch seltsam unscharf. Der Betrachterblick wird durch die lediglich schemenhafte Widergabe der Motive irritiert; durch die Verdoppelung von Körperteilen und Gesichtszügen entsteht der visuelle Eindruck von überlagerten, geschichteten Bildebenen. Die abgebildeten menschlichen Figuren erscheinen so seltsam deformiert und wirken durch die Unklarheit der Konturen ungreifbar, ja fragil und verletzlich.

Der ursprünglich zum Fotografen ausgebildete Markowitsch beschäftigt sich in seinem Œuvre immer wieder mit den Techniken der Überlagerung und der Durchleuchtung. Inspiriert durch die Arbeit am Leuchttisch beginnt er bereits in den späten 1980er Jahren vorder- und rückseitig bedruckte Buchseiten zu durchleuchten und setzt so einen, auch für sein späteres künstlerisches Schaffen (vgl. beispielsweise KML. 2005.86:1-20q), entscheidenden Fokus. Die für Markowitschs gesamtes Œuvre zentrale Serie „Nach der Natur“ (1991–1994) wird vom Künstler in vier Kategorien unterteilt, die im jeweiligen, wissenschaftlich und ordnend anmutenden Werktitel zum Ausdruck kommen. So beschäftigt sich der Künstler in der seriellen Arbeit mit Landschaften, Pflanzen, Tieren und Menschen, wobei er als Titel jeweils den Anfangsbuchstaben der Kategorie und eine Ziffer setzt.

Für die Fotoarbeiten bedient sich Markowitsch Abbildungen aus historischen Büchern. So nutzt er beispielsweise für die überlagerten Landschaftsansichten der Serie „L“ verschiedene Bücher aus dem frühen 20. Jahrhundert über Afrika. Für die dreiteilige Installation „M1“ dient ihm hingegen das im Kriegsjahr 1944 erschienene „Lehrbuch für häusliche Krankenpflegerkurse“ als Vorlage. Durch die medizinischen Abbildungen und die Sichtbarkeit verschiedener bandagierter Körperteile wird der im Werk auf einer interpretatorischen Ebene enthaltene Aspekt der Fragilität, aber auch der Deformation des menschlichen Körpers noch verstärkt.

Die Eigenheit der Buchvorlage als lehrende, auch wissenschaftliche Lektüre findet in der Bezeichnung „M1“ ebenso ihren Niederschlag wie im Titel der ganzen Serie. „Nach der Natur“ erinnert als Bezeichnung an die früher üblichen Beschriftungen naturwissenschaftlicher Abbildungen, verweist aber zugleich auf einen der Kunst immanenten Aspekt. Die von Aristoteles der Kunst zugeschriebene Mimesis, also die Nachahmung der gesamten Wirklichkeit klingt in der Serie „Nach der Natur“ an und verweist auf die im Werk enthaltene Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Schaffen schlechthin. So gelingt dem Künstler durch das offensichtlich Artifizielle der zweigesichtigen und mehrarmigen Wesen die Auseinandersetzung mit der tradierten künstlerischen Haltung einer 'naturgetreuen' Mimesis. Zugleich vermag Rémy Markowitsch durch das Sichtbarmachen von eigentlich Unsichtbarem, durch das Verwischen von vermeintlich gefestigten Konturen Sehgewohnheiten und Wirklichkeiten zu hinterfragen.

Gioia Dal Molin