deutschenglisch
Ohne Titel
  • Markus Döbeli
  • Ohne Titel, 1989

  • Acryl auf Baumwolle
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 98.19x
  • © Markus Döbeli
  • Jahr von: 1'989
  • Jahr bis: 1'989
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Die Farben fliessen über die Leinwand, breiten sich fleckenartig aus, werden von anderen Farben teilweise wieder zurückgedrängt und brechen plötzlich aus einer tieferen Schicht wieder hervor. Die scheinbar willkürlichen Unregelmässigkeiten und Durchbrechungen des Farbauftrags bilden jedoch eine differenzierte, in sich kontrollierte Struktur, an dem der Malvorgang selbst sichtbar wird. Die Farbschichten sind in Markus Döbelis Arbeiten durch einen transparenten lasierenden Auftrag gekennzeichnet. Gleich Aquarellen fliesst die Farbe auseinander und lässt an einzelnen Stellen eine Pigmentspur zurück. Dieses scheinbar zufällige Fliessen wird vom Künstler bewusst mit dem Pinsel gesteuert. Der Pinselstrich wird gerade dort sichtbar, wo sich die untere Farbschicht über die darüber liegende zu stülpen scheint – ein Vorgang, bei dem sich Hinter- und Vordergrund ineinander verweben.

Der Farbverlauf wird in diesem Bild zusätzlich durch in die Leinwand eingelassene Nähte strukturiert. Die Naht saugt mehr Farbe auf und bildet so eine Linie, ohne tatsächlich ein Farbfeld zu begrenzen. Sie wirkt wie eine subversiv eingeführte Linie, die Formen wie den Kreis aus seinen früheren Arbeiten (KML L 2005.38x) aufnimmt. Indem die Farbe hier in den feinen Spalt zwischen die Leinwand fliesst – quasi dem Bildfeld entweicht –, tritt sie in ihrer Dichte wieder als Linie in den Vordergrund. Das Bearbeiten und Zersetzen der Leinwand, das gleichzeitig auch in einen Form gebenden Prozess übergeführt wird, bringt ähnlich wie der belassene weisse Rand und die grobe Struktur des Stoffes in anderen Bildern (KML 98.20x) die Beziehung von Farbauftrag und Bildträger ins Spiel.

Mit der Verteilung von ungleichmässigen Farbdichten sowie unterschiedlichen, meist transparent lasierenden Farbschichten erzielt Döbeli eine komplexe Bildstruktur, deren Elemente beim Betrachten immer wieder neu zueinander ins Verhältnis zu setzen sind. Die Unfassbarkeit der Darstellung wird durch die das menschliche Mass übersteigenden Dimensionen zusätzlich gesteigert. Von Nahem taucht der Betrachter, da er nicht über den Bildrand hinausblicken kann, sozusagen in die Farbschichten auf der Leinwand ein. Erst mit der Distanz nimmt er wieder einzelne Farbpartien in Relation zur ganzen Bildfläche wahr, die sich aber sofort einer Festschreibung entziehen. Döbelis Leinwände stehen in ihrer Dimension aber auch in der Art, wie sich deren „All-Over“-Struktur über das ganze Bildfeld erstreckt, in Beziehung zum Amerikanischen „Abstract Expressionism“. Anders aber als die Idee des „Sublimen“, die in den Arbeiten von Barnett Newman oder Mark Rothko präsent ist, und dem performativen „Dripping“ von Jackson Pollock entspricht die Arbeitsweise Döbelis eher einem vorsichtigen Herantasten an eine Form sowie deren ständiger Überarbeitung.

Annamira Jochim