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Landschaft bei Weggis
  • Oscar Lüthy
  • Landschaft bei Weggis, um 1911/1912

  • Öl auf Leinwand
  • 85 x 100 cm
  • signiert unten rechts: "..üthy"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Bernhard Eglin-Stiftung
  • Inv.-Nr. M 96.8x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,911
  • Jahr bis: 1,912
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Auf einem grosszügigen Querformat ist eine ländliche Szenerie mit einem Bauernhaus und mehreren hinter- bzw. übereinander gelegenen Hügelzügen zu erblicken. Zahlreiche Bäume, von Lüthy als einfache Dreiecksformen zeichenhaft wiedergegeben, überwuchern die Berghänge. Auch andere in der Natur aufgefundene vielfältige Erscheinungen werden zu einfachen, grossen Formen umgedeutet, deren Flächigkeit durch dicke Konturlinien noch betont wird. Im Vergleich zu etwas früheren Landschaftsbildern des Künstlers fällt auf, dass auf jede Art von plastischer Modellierung sowie auf eine naturalistische Beleuchtung, die helle Akzente und Schattenwürfe schaffen würde, verzichtet wird.

Die Farben, die dünn und in relativ trockener Konsistenz auf eine teilweise sichtbar werdende Leinwand aufgebracht wurden, sind angenehm gedämpft: Orange, Rotbraun, Taubenblau und Grün vermitteln den Eindruck herbstlich umgefärbter Wälder nach einem Regentag. Dennoch sind die Farben nicht als beschreibende Lokalfarben zu verstehen. Ihnen kommt vielmehr ein kompositioneller Stellenwert, beispielsweise eines zwischen kalt und warm oszillierenden Farbklangs, zu.

Kompositorisch wird durch die ländliche Behausung, den Baumriesen sowie den flachen Hügel dahinter die Bildmitte betont. Ansonsten fällt eine Vorliebe für einen ziemlich symmetrischen Bildaufbau auf. Eine gewisse Nähe ist zu dem etwa gleichzeitig entstandenen Landschaftsbild "Häuser und Bäume" (KML M 95.205x) auszumachen. Das Farbenspektrum ist dort ähnlich harmonisch gedämpft, die Formen vereinfacht und klar umrissen, allerdings ist ihre Fragmentierung geometrisch strenger.

Das Leben in der freien Natur und dessen Wiedergabe sowie eine Faszination für das Abgelegene scheinen den Expressionisten gereizt zu haben. Dass es sich bei Lüthys Landschaftsgemälden nicht um reine Naturabbilder mit bestimmbaren topographischen Orten handelt, ist klar. Was aber kennzeichnet eigentlich die expressionistische Landschaftsmalerei? "Der Künstler stellt nicht die Natur dar – sondern sein Erlebnis in derselben. Wenn in der Kunst von Natur die Rede ist, so kann nur das Naturerlebnis des Künstlers, also die menschliche Natur gemeint sein", schreibt Walter Helbig, ein weiteres Gründungsmitglied des Modernen Bundes an die befreundete Irma Woermann 1913. Das vorliegende Bild würde demnach einen durch das persönliche Erlebnis gefilterten und aus der Erinnerung neu geschaffenen Natureindruck darstellen. An einen der "Väter des Expressionismus", Paul Gauguin, erinnern auch folgende, in Weggis verfasste Notizen von Lüthys Künstlerfreund: "Das Werk ist erst dann künstlerisch zu nennen, wenn der Künstler kraft seiner eigenen Phantasie über die Erscheinung der Gegenstände hinaus eine noch vor ihm ungeschaute Formenwelt entstehen lassen kann, die die Sphäre unserer Umgebung durchbricht und in eine höhere Sphäre eindringt, die in der Ausstrahlung der Dinge verborgen liegt." Helbig muss in diesem Zusammenhang explizit erwähnt werden. Das Gemälde "Berglandschaft in der Innerschweiz" wurde nämlich bisher ihm zugeschrieben. Sowohl in Ausstellungen – etwa zum Expressionimus in der Schweiz 1975 – oder in der Retrospektive des Künstlers in Locarno 1993, wird das Gemälde als ein Hauptwerk Helbigs rezipiert, wenn auch die Nähe zum gleichzeitig in Weggis tätigen Lüthy jeweils festgehalten wird. Eine Analyse der Unterschrift deutet aber eindeutig auf Oscar Lüthy als Autor hin.

Regine Fluor-Bürgi