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Robin V.
  • Berlinde De Bruyckere
  • Robin V., 2006-2007

  • Wachs, Harz, Farbe, Glas, Holz
  • 112 x 76.5 x 235.5 cm
  • signiert auf Zertifikat: "De Bruyckere/Berlinde"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2007.61w
  • © Berlinde de Bruyckere
  • Jahr von: 2,006
  • Jahr bis: 2,007
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Wie so oft in ihren Werken bestimmt Berlinde de Bruyckere – hier mittels des Sockels mit der antiquierten Glashaube – den Präsentationskontext ihrer Skulptur. Handelt es sich um die Schauvitrine einer Wunderkammer oder gar um einen offenen Sarg? In beiden Fällen geht es darum, ein Objekt aufzunehmen und zu bewahren, in beiden Fällen wird dieses zugleich vom Betrachter distanziert wie auch zur Schau gestellt.

Der Titel "Robin V." gibt den Namen des Modells wieder, von dem Berlinde de Bruyckere die Formen für dieses Wachsobjekt abgenommen hat. "Robin V." ist in einer stupenden künstlerischen Technik gefertigt. Die Ölfarbe, die dem Schicht um Schicht in die Form gegossenen und danach mit dem warmen Spachtel weiterverarbeiteten Wachs beigegeben ist, verleiht dem Körper die delikat marmorierte Oberfläche und transparente Materialität. Zusammen mit den unklar definierten oberen Gliedmassen – handelt es sich um die Knochen der Arme oder sind es Äste? – bewirkt die künstlerische Verarbeitung, dass dieses „Mischwesen“ in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod verharrt.

Die Uneindeutigkeit nimmt gar Züge einer Metamorphose an. Die Formen pflanzlicher Organismen und die menschlichen Gliedmassen (in anderen Werken derselben Entstehungszeit sind auch Tiere, zumeist Pferdeleiber, involviert) gehen nahtlos ineinander über, als befänden sie sich in einem ewigen Kreislauf. Pflanzen, Tiere und Menschen repräsentieren je unterschiedliche Bewusstseinszustände und verfügen dementsprechend über eine unterschiedliche Leidensfähigkeit. Nicht zufällig sind Leid, Qual, Versehrtheit, Schuld und Sühne wiederkehrende Themen im Werk von Berlinde de Bruyckere. In ihren bewusst manierierten körperlichen Umsetzungen geht es der Künstlerin um nicht weniger, als der Seele der Lebewesen, seien es Menschen, Tiere oder Bäume, einen Ausdruck zu verschaffen. Ausstülpungen und parasitären Auswürfen gleich manifestiert sie sich in „Robin V.“ als schlangenartig wuchernden Geästs.

In der Ausgestaltung ihrer Motive greift Berlinde de Bruyckere auf vielfältige Quellen zurück und macht sich deren grosses Bedeutungspotential zu Nutzen. Antike Mythen wie Ovids "Metamorphosen" klingen ebenso an wie Überlieferungen aus dem Volksgut oder Märchen, die christliche Ikonografie – hier die Referenz an Holbeins ebenfalls überlängten "Toten Christus" von 1521/22 im Kunstmuseum Basel – ebenso wie aktuelle Bilder aus den Massenmedien von Greueltaten in aller Welt. Die Aussage ist aber nie eine moralische. Sie neigt viel eher zu Demut als Anklage und versetzt den Betrachter, bzw. die Betrachterin dadurch in eine aktive Rolle, die von der Spannung zwischen Abscheu und Mitgefühl lebt.

Peter Fischer