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Ohne Titel (Volcano-Confessional)
  • Paul Thek
  • Ohne Titel (Volcano-Confessional), 1971

  • Holzstuhl, Farbe, Kissen
  • 85.3 x 39 x 40 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 94.52w
  • © The Estate of George Paul Thek, New York
  • Jahr von: 1'971
  • Jahr bis: 1'971
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Diesen Holzstuhl hat Paul Thek erstmals in seiner Installation „Pyramid – A Work in Progress“ in Stockholm 1971/72 verwendet. Im Ausstellungskatalog „Processions“ (1977), an dem Paul Thek mitgearbeitet hat, wird die Verwendung des Stuhls als Beichtstuhl beschrieben: „Thek verwandelte eine Transportkiste in eine Art Beichtstuhl, in dem er die Kiste aufstellte. Um die Kiste baute er mit Hühnerdraht und bemaltem Zeitungspapier eine vulkanartige Form. Der Vulkan-Beichtstuhl war von Wandbemalungen inspiriert, die Thek in den Trattorien am Fusse des Vesuvs gesehen hatte. Mit dieser fremdartigen, provisorischen Struktur, die an Kirchenarchitektur erinnern lässt, verband Thek nicht nur die Form des Vulkans mit jener der Pyramide, sondern hat auch die seelische Läuterung der Beichte mit den periodischen, naturgemässen Eruptionen des Vulkans. Zahlreiche Papiertaschentücher, Symbol für Tränen und die Flüchtigkeit der Zeit, sowie Kirschen, ein frühes christliches Symbol für die göttliche Segnung, schwebten oberhalb des Vulkans als die in Verbindung mit der Beichte stehenden Zeichen für Reue und Segnung.“ („Paul Thek/Processions“, hrsg. von Suzanne Delehanty, Philadelphia: Institute of Contemporary Art, 1977, S. 27.)

Diese Deutung der Kirschen widerspricht der allgemeinen Ikonografie, in der die Kirschen in der christlichen Kunst des Mittelalters oftmals im Zusammenhang mit dem Paradiesgärtchen zu finden und als eine verbotene Frucht angesehen werden. In einem Interview mit Harald Szeemann aus dem Jahre 1973 beschreibt Thek seine Bedeutung der Kirschen folgendermassen, eine Bedeutung, die auch von Suzanne Delehanty später übernommen worden ist: „Ich habe erst vor kurzem erfahren, was ich damals noch nicht wusste, dass sie nämlich ein Symbol der Gnade Gottes sind. Das geht ganz auf dieAnfänge der christlichen Mythologie zurück, auf die christliche Ikonographie. Ich wusste nichts davon. Ich arbeitete mit einem sehr bekannten amerikanischen Lied, das davon singt, dass das Leben nur eine Schüssel mit Kirschen ist, und ich glaube nicht, dass der Verfasser dieses Liedes gewusst hat, dass er von einem Thema spricht, das etwas mit denalten Ikonen zu tun hat.“ („Gespräch mit Paul Thek“, in: Harald Szeemann, Individuelle Mythologien, Merve: Berlin 1985, S. 173.)

An der documenta 5 in Kassel befindet sich der Vulkan in unmittelbarer Nachbarschaft zum „Dwarf Parade Table“, der Transportkiste, in dem der „Dead Hippie“ (Theks erste lebensgrosse Nachahmung seiner selbst) lag, sowie des „Chicken Coops“.

Susanne Neubauer