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Der alles verschlingende Wirbel
  • Hans Emmenegger
  • Der alles verschlingende Wirbel, 1899

  • Öl auf Leinwand
  • 61 x 50 cm
  • Kunstmuseum Luzern. Depositum der Kunstsammlung Gemeinde Emmen
  • Inv.-Nr. SGE
  • Jahr von: 1'899
  • Jahr bis:
Werkbeschrieb

In seinen undatierten Notizen über monumentale Malerei beschäftigte sich Hans Emmenegger akribisch mit der technischen Umsetzung einer Bildgattung, die er selbst in ihrer traditionellen Form gar nicht mehr pflegen sollte. Denn obwohl er sich noch Ende 1892 fragte: «Werde ich die Mammutjagd vollenden oder umarbeiten oder wäre es am Ende besser ich machte die Konkurrenz f. [ür] hist.[orische] Composition mit?», sind von seiner Hand nur wenige Historienmalereien überliefert.
Dies mag durchaus mit der Krise der traditionellen Historienmalerei im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu tun haben. Über Jahrhunderte in der akademischen Hierarchie als die bedeu-tendste unter den Gattungen (Porträt, Landschaft, Stillleben etc.) angesehen, erschien die Darstellung antik-mythologischer oder christlich-legendarischer Stoffe an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert aus politisch-sozialen und künstlerischen Gründen nicht mehr zeitgemäss. Fortan suchten sich Künstlerinnen und Künstler andere Themen für erzählerische Darstellungen, wie beispielsweise Ereignisse aus dem aktuellen Zeitgeschehen oder Stoffe aus der zeitgenössischen Literatur.
Von durchaus psychologischer Brisanz ist das Gemälde Der alles verschlingende Wirbel, das auf eine zeitgenössische literarische Vorlage zurückgeht. Emmenegger greift hier den Motivkreis des Mahl- oder Malstroms auf. Dieser im hohen Norden situierte Wasserwirbel wird zwar schon in der nordischen Mythologie und in Homers Odyssee beschrieben. Doch ein halbes Jahrhundert vor Emmeneggers Werkgruppe entstand 1841 mit Edgar Allen Poes (1809–1849) A Descent into the Maelstrom die Erzählung eines dem Strudel Entronnenen. Diese wird Hans Emmenegger gekannt haben, da er – wie Tagebücher belegen – Poes Erzählungen begeistert gelesen hat. Die Kulturwissenschaftlerin Ulrike Brunotte schreibt zu Poes Descent into the Maelstrom: «Sicherlich ist auch Poes Maelstromgeschichte von 1841 in gewisser Weise Ausdruck und Poetisierung einer sozialen und psychischen Katastrophenerfahrung. Aber sie ist als Kunstwerk viel mehr als das. Es ist die moderne Geschichte vom unwiderstehlichen Sog des Nichts, eines Nichts freilich, das uns seit der frühen Urflut- und Abgrundmythologie der orientalischen und biblischen Schöpfungsmythen, nicht als blosse Leere, sondern als weiblich konnotiertes Wasser- und Trieb-Chaos bekannt ist. Der heroische Triumph über Tiamat und die Kontrolle über ihre Ausgeburten war das frühe, mythologische Modell für das patriarchale Bemächtigungsunternehmen äusserer und innerer Natur […]. Poes Maelstromerzählung berichtet von der romantischen Sehnsucht, die Last des principium individuationis abzuwerfen und sich etwas Grossem, Übermächtigem hinzugeben.» Es ist verlockend, Emmeneggers Alles verschlingenden Wirbel in diesem Sinne als Symptom unbewusster Wünsche des Künstlers zu deuten, der noch 1912 alle avantgardistischen und dionysischen Tendenzen in der Malerei vehement ablehnte. Heinz Stahlhut