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Lüthi weint auch für Sie
  • Urs Lüthi
  • Lüthi weint auch für Sie, 1970

  • Offset, Auflage: 93/100
  • 85.5 x 58.6 cm
  • signiert, datiert und nummeriert: "Urs Lüthi 70 93 / 100"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2006.55z
  • © Urs Lüthi
  • Jahr von: 1,970
  • Jahr bis: 1,970
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das Motiv des weinenden Künstlers, der sich mit seinem traurigen Blick und dem am unteren Bildrand angebrachten Text direkt an den Betrachter und die Betrachterin richtet, war ursprünglich für das Plakat zu Lüthis Ausstellung in der Galerie Toni Gerber in Bern von 1970 geplant. Als Fotograf wirkte Iwan Schumacher. Der Tränenfluss wurde bei der Fotosession mit Zwiebeln erzeugt und nachträglich noch zusätzlich nachgezeichnet. Neben dem Plakat und der Ausgabe als Offsetdruck entstand auch eine Fotoleinwand. Das Bild verblüffte in seiner Zeit die Kunstbetrachter, denn es war unüblich einen weinenden Mann darzustellen. In Bezug auf die formale Gestaltung bezog sich der Künstler jedoch durchaus auf die Bildtradition. „Lüthi weint auch für Sie“ ist ein Werk in der Art eines klassischen Hell-Dunkel-Tafelbildes wie es von profanen und sakralen Personendarstellungen bekannt ist. Das in der Spätrenaissance entwickelte und als „Chiaroscuro“ bezeichnete Gestaltungsmittel meint ein Spiel von Licht und Schatten, um Körper und ihre Formen deutlicher zu modellieren. Damit lassen sich dramatische Effekte steigern oder eine geheimnisvolle Stimmung erzeugen.

Die Lichtführung der Studiobeleuchtung erzeugt den zitierten Chiaroscuro-Effekt: Der untere Teil des Körpers taucht aus dem Dunkeln auf, währenddem das Gesicht hell ausgeleuchtet ist. Die Dramatik wird durch eine leichte Aufsicht und eine kleine Drehung des Körpers gesteigert: So zeigt sich uns das weinende linke Auge des Künstlers als eigentliches Zentrum des Bildes. Der Künstler weint auch für uns, er spricht durch den Titel ermutigende Worte aus und durch das Weinen verleiht er seinem Mitleid Ausdruck. Das Halbfiguren-Porträt vermittelt jenen Trost, den Gläubige sich aus Tafelbildern mit Heiligendarstellungen holen. Lüthi setzt unsere Kenntnis der Bildtradition ein, um unsere Rezeption zu steuern. Das Chiaroscuro steigert die auratische Wirkung. Nun ist aber nicht ein Heiliger dargestellt, vielmehr hat sich der Künstler selbst in Szene gesetzt, was 1970 in dieser Art ein Novum ist. So entsteht eine Reibung zwischen Bildtradition und Bilderfindung, die zusätzlich aufgeladen wird, indem sich der Künstler im Schlangen-Jackett des Verführers zeigt.

Christoph Lichtin