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Remote Control
  • Vito Acconci
  • Remote Control, 1971

  • Zwei-Kanal-Video, simultan, U-Matic Low Band, s/w, Ton
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 1983.15:1v
  • © Vito Acconci
  • Jahr von: 1'971
  • Jahr bis: 1'971
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Zwei Bildschirme sind einander gegenüber aufgebaut. Der eine zeigt Vito Acconci. In einem kontinuierlichen, hypnotisierenden Redefluss erteilt er Anweisungen an Kathy Dillon, die auf dem anderen Bildschirm zu sehen ist. Sie soll sich mit einem Seil umwickeln. Er versucht zu erreichen, dass beide mittels Vorstellungskraft die Empfindung erlangen, es sei in Wirklichkeit er, der das Seil um sie legt. Durch die Position der Monitore scheint es, als würden sich beide ansehen und direkt miteinander kommunizieren. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die nahezu identische räumliche Situation, die sich auf beiden Videobildern darstellt. Sowohl Acconci als auch Dillon sind von einer kistenartigen Rahmung eng umschlossen. Diese Rahmung ist jedoch bereits als ein Verweis auf ihre Isolierung voneinander zu verstehen – während der Aktion halten sie sich in separaten Räumen auf. Die Verständigung erfolgt über die Direktübertragung der Videoaufnahmen. Dass die Rahmung die Bildschirmgrenzen wiederholt deutet darauf hin, dass es nicht gelingt, die räumliche Trennung durch die Kommunikation per Video aufzuheben.

In dem Versuch, sich mittels Video übertragener Sprache und Gestik des Handelns und Denkens einer anderen Person zu bemächtigen, sie sogar physisch wahrzunehmen, ergründet Acconci Unmittelbarkeit und Mittelbarkeit der Kommunikation per Video. Gleichzeitig spielt er auf das medieninhärente Macht- und Kontrollpotential an. Dadurch, dass er es ist, der unaufhörlich auf Dillon einredet, herrscht eine einseitig ausgerichtete Kommunikationssituation vor, wie sie auch durch das Fernsehen gegeben ist. Kommunikation wird damit zur Manipulation. Zusätzlich ist ihm die Möglichkeit gegeben, Dillons Handeln und die Befolgung seiner Anweisungen unmittelbar zu überwachen.

Vito Acconcis künstlerisches Schaffen ist zunächst im literarischen Kontext entstanden, bevor er diesen um seine Performances, Foto- und Filmarbeiten erweitert. In seinen Videos gewinnt die Sprache aufgrund der Möglichkeit der akustischen Registrierung erneut eine wichtige Bedeutung. Sein von Wiederholungen und auf die Aktion direkt bezogener Redefluss in „Remote Control“ weist enge Parallelen zu seiner rein dichterischen Arbeit auf. In dieser konzentriert er sich auf die Materialität der Sprache, sowie den Handlungsaspekt des Schreibens und Lesens bezogen auf ihren Ort, das Blatt Papier oder das Buch. Dieser minimalistische Anspruch an die Sprache begleitet auch die visuelle Gestaltung seines künstlerischen Schaffens, das sich durch Sparsamkeit und Einfachheit der Ausdrucksmittel auszeichnet.

Dass Acconci eine zweite Person in seine Performances integriert, geschieht zum einen aus dem Versuch heraus, die Fixiertheit auf seine Person in den vorherigen Arbeiten zu überwinden. In diesen untersucht er seinen Körper auf dessen physische und soziokulturelle Bedingtheit. Dadurch bildet er mit seinem Körper zwangsläufig das Zentrum im Werk. Zum anderen ermöglicht ihm die Interaktion mit einem zweiten Performer, Aspekte wie Gewalt, Manipulation oder Geschlechterfragen in zwischenmenschlichen Beziehungen zu thematisieren.

Diese Arbeiten entstehen zeitlich in einem Kontext, in dem die gesellschaftlichen und sozialen Gefüge neu hinterfragt werden. Das spiegelt sich in der Kunst nicht nur inhaltlich in den Werken wieder, sondern führt auch auf formaler Ebene zu einer Veränderung des Kunstbegriffs. Angestrebt wird, wie durch die Performance-Kunst, eine Loslösung vom Objektcharakter der Kunst. Des Weiteren wird das autonome Kunstwerk, sprich das Kunstwerk, das sich aus sich selbst heraus definiert, für obsolet befunden. Zunehmend werden auch Ort und Betrachter als Werk konstituierende Faktoren berücksichtigt. Dies trifft auch auf die Arbeit von Acconci zu, der, entgegen seinen Intentionen, in der Konzentration zweier Performer aufeinander eine zu starke Isolierung vom Betrachter empfindet. In Konsequenz dieser Erkenntnis löst er sich von den performativen Arbeiten. In den in Folge entstehenden Installationen gelingt ihm die angestrebte Aufhebung der bislang vorherrschenden Trennung von Betrachter und Künstler beziehungsweise Kunstwerk.

Martina Becker