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Furniture Sculpture 78 (Large painting with armchairs)
  • John M Armleder
  • Furniture Sculpture 78 (Large painting with armchairs), 1985

  • Mischtechnik auf nicht grundierter Leinwand, vernäht, 2 Stühle aus Stahl, lackiert, und Kunstleder
  • 305 x 229 cm , Stühle je: 88.5 x 64 x 61 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 86.38:1-3w
  • © John Armleder
  • Jahr von: 1,985
  • Jahr bis: 1,985
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

John M Armleders “Furniture Sculpture 78” besteht aus einer hochformatigen, abstrakt und in der Technik eines Tropf- oder Schüttbildes eingefärbten nicht grundierten Leinwand und zwei offensichtlich gebrauchten Fauteuils. Letztere lassen in ihrer Schlichtheit und Materialität – das Gestell aus metallisé lackiertem Stahl und die Bezüge aus grüngrauem Glattleder – an Möbelentwürfe in der Tradition des Bauhauses denken. Diese Arbeit, eine der vielen mit durchgehenden Nummern betitelten Werken aus der Furniture Sculpture-Serie, in der meist industriell produzierte Möbelstücke mit geometrischer oder gestisch-abstrakter Malerei kombiniert sind, erinnert zunächst an kunsthistorische Vorbilder wie beispielsweise Robert Rauschenbergs Combine Paintings der 1960er Jahre. Rauschenberg integriert seine Möbelstücke quasi als Collage ins Bildfeld. Bei Armleders „Furniture Sculptures“ dagegen funktionieren die Möbel entweder nicht als solche – indem sie beispielsweise schief gestellt, gegen die Wand gelehnt oder gar an einen Baum gehängt werden –, oder sie erlangen über ihre Positionierung neben der oder in ausdrücklicher Distanz zur Leinwand autonomen Status. Bei den Arbeiten Armleders handelt es sich also vielmehr um ein heterogenes Ensemble, das sich schliesslich zu einem installativen Ganzen zusammenfügt. Eminent wichtig für die Wirkung sämtlicher Möbel-Skulpturen ist daher der Raum, der sie umgibt. Obschon in „Furniture Sculpture 78“ von vorne betrachtet die Leinwand grössenmässig gegenüber den Stühlen dominiert, ist die Dreidimensionalität der Arbeit und nicht die Zweidimensionalität der Leinwand deren wesentliche Eigenschaft.

Die Installation spielt mit ihrem hybriden Charakter zwischen Mobiliar und Kunstwerk. Die beiden Fauteuils übernehmen durch ihre Positionierung unter der Leinwand die Funktion eines Sockels für dieselbe. So „verbietet“ die Gruppierung der Objekte den Gebrauch durch den Kunstrezipienten, obschon die Sessel im ersten Moment sogar zum Hinsetzen einladen mögen. Damit ist einerseits auf die Interaktion zwischen Werk und Betrachter hingewiesen, die Basis darstellt für jede Kunstbetrachtung, die aber vom Rezipienten meist unbewusst vollzogen wird. Andererseits werden die gewohnte Verortung des Kunstwerks im Museumsraum und die Techniken des Ausstellens reflektiert. Dadurch dass das Möbelstück „Sessel“ den Status des Gebrauchsgegenstands verliert und denjenigen eines Kunstobjekts verliehen bekommt, wird das geradezu prototypische Kunstwerk des 20. Jahrhunderts, das abstrakte Leinwandgemälde, ebenso auf seinen Stellenwert hin befragt. Es geht Armleder wohl weniger darum, im Sinne des Postulats der künstlerischen Moderne ein originäres Kunstwerk zu schaffen. Vielmehr zitiert er bereits historisch gewordene Formate der Kunst des 20. Jahrhunderts: das abstrakte Gemälde, der schlicht-funktionale Sessel. So gelingt es ihm, die Experimente der künstlerischen Moderne als nicht aus dem Nichts geschaffene, sondern ebenfalls in Relation zu Vorbildern entstandene und somit „rezipierte“ Werke zu dechiffrieren.

Isabel Fluri