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bulletproofglass #3
  • Rosemary Laing
  • bulletproofglass #3, 2002

  • C-Print auf Metallicpapier, Auflage: 4/10
  • 138 x 211 cm
  • signiert, bezeichnet und datiert verso, mit Kugelschreiber: "Rosemary Laing bulletproofglass #3 (unleserlich) 9/10 2002"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 2005.82q
  • © Rosemary Laing
  • Jahr von: 2'002
  • Jahr bis: 2'002
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Rosemary Laings grossformatige Farbfotografie „bulletproofglass #3“ aus der gleichnamigen Serie von 2002 öffnet den Blick in die rot schimmernde Abenddämmerung eines wolkenverhangenen Himmels. Zentriert in der oberen Bildhälfte erscheint die Figur einer weissgekleideten Frau, die mit weit geöffnetem Mund, wehendem dunklen Haar und durchgebogenem Leib rückwärts in die Tiefe zu fallen scheint. In ihrer Brust klafft eine blutende Wunde, der Schuss mitten ins Herz hat das weisse, viktorianisch anmutende Kleid – die Assoziation mit einer Braut drängt sich unweigerlich auf – zerfetzt. Dunkle Tauben flankieren die stürzende Figur und potenzieren die unheimliche Atmosphäre der Szenerie, die ansonsten eine seltsame, ja fast atemlose Stille nach dem gefallenen Schuss evoziert.

Die australische Künstlerin bedient sich in ihren Werken dem Mittel der inszenierten Fotografie. Ihre künstlerischen Arbeiten sind das Resultat von analogen, unbearbeiteten Bildern, die ganz ohne digitale Manipulationen auskommen und im Rahmen von aufwändig inszenierten Settings mit Lichttechnikern, Maskenbildnern und Stuntfrauen entstehen. Die Annäherung an das kinematographische Genre erfolgt jedoch nicht nur auf der Ebene des Arbeitsprozesses, sondern ist auch der inhaltlichen Dimension der Werke immanent. So erinnert Laings „bulletproofglass #3“ an das Medium des Film Stills, zeugt von einer grossen Narrativität und erscheint gleichsam als Ausschnitt aus einer Erzählung, die sich ausserhalb des Bildes fortsetzt.

Rosemary Laings künstlerisches Schaffen und die daran gekoppelten spezifischen Arbeitsverfahren können als einen Prozess der Erforschung, der Erkundung beschrieben werden. Einerseits geschieht dies im wörtlichen Sinne als eine Auseinandersetzung mit den geographischen Gegebenheiten Australiens, andererseits vollzieht Laing diese Reise ins Innere der 'terra incognita' auch im übertragenen Sinne durch ihre intensive Beschäftigung mit der Gesichte, der Vergangenheit des fünften Kontinenten und deren Auswirkungen ins Hier und Jetzt. Diese für Laings künstlerisches Schaffen zentrale Auseinandersetzung mit der Kolonialisierungsgeschichte ihrer Heimat und die daran gekoppelte Frage nach der eigenen Identität als weisse, australische Künstlerin sind auch dem Werk „bulletproofglass #3“ immanent. Die glänzende Oberfläche, die durch die Materialität des C-Prints noch zusätzlich an Gewicht gewinnt steht im Kontrast zu einer irritierenden Präsenz des visuell eigentlich Abwesenden. So erscheint Laings Serie gerade hinsichtlich der ebenfalls im Rahmen ihrer Beschäftigung mit dem Fliegen entstandenen Fotografien aus „flight research“ (1998–1999) als überaus symbolgewaltig. Während die vor der Jahrtausendwende konzipierten Fotografien eine schwebende, ja fast in den Lüften tanzende, unverwundete Frau zeigen, die in ihrem makellosen weissen Kleid Hoffnung suggeriert, löst die wirbelnde, taumelnde, verwundete Frauenfigur der jüngeren Serie gegenteilige Gefühle aus.

Der Aspekt der Hoffnung klingt hierbei deutlich in der Verwendung der Farbe weiss an und wird durch die assoziativen Verknüpfungen zu einer Braut im weissen Hochzeitskleid noch potenziert. Die Künstlerin verknüpft diese zerstörte – eben tödlich verwundete Hoffnung – mit den realpolitischen Umständen des verworfenen Referendums von 1999, das Australien einerseits den Status einer vom britischen Reich unabhängigen Republik verliehen und andererseits durch eine Erweiterung der Verfassung den Aborigines – den sogenannten 'first people' – Ehre gezollt hätte. In diesem Sinne ist die Serie „bulletproofglass“ als Ausdruck von Laings eigener Ernüchterung ob der nicht eingetroffenen politischen Veränderung im beginnenden 21. Jahrhundert zu lesen. Eine Enttäuschung, die letztlich einher geht mit der Infragestellung der eigenen Identität und der eigenen kulturellen Wurzeln, die unweigerlich mit der Kolonialisierungsgeschichte, der Inbesitznahme Australiens verknüpft sind. Rosemary Laings Werk „bulletproofglass #3“ gelingt es demnach trotz einer technisch und ästhetisch perfektionierten Abbildungsqualität gerade dasjenige sichtbar zu machen, was eigentlich nicht abzubilden ist, zugleich unterläuft die theatralisch überhöhte Darstellung die suggerierten Emotionen und es entsteht eine Distanz, die den Bildbetrachter seltsam irritiert zurücklässt. Eine Distanz, die durch den in einem seltsamen Gegensatz zum Bildinhalt stehenden Titel – „bulletproofglass #3“ – zusätzlich akzentuiert wird. Das im Wortkonstrukt genannte schusssichere Glas, scheint lediglich den Bildbetrachter zu schützen, ja ihn von der Szenerie zu trennen, während die weissgekleidete Frau offensichtlich keinen Schutz erfährt.

Gioia Dal Molin