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Ohne Titel (Matchbox)
  • Sonja Sekula
  • Ohne Titel (Matchbox), 1961

  • Zündholzschachtel, beschrieben und bemalt mit Deckfarbe, Ölkreide, Filzstift, Bleistift und Collage, enthaltend drei Kieselsteine, fünf Streichhölzer, Kartonstück, bemalt mit Deckfarbe, Papierstück mit Bleistift beschrieben
  • 1.9 x 5.8 x 3.7 cm
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung Gérard Charrière, Berlin
  • Inv.-Nr. 2005.27w
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,961
  • Jahr bis: 1,961
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Die "Match Box", auch "Meditation Box" (KML 2005.27w) genannt, entsteht im Jahr 1961 und zeigt eine von Sonja Sekula innen und aussen bemalte, beschriftete und mit Collagen versehene Streichholzschachtel. Darin sind fünf Streichhölzer, drei bemalte Kieselsteine, ein abgerissenes, bemaltes Kartonstück und ein kleines, mit Bleistift beschriebenes Zettelchen enthalten. Die Kieselsteine sind unterschiedlich gross, zwei der drei sind weiss bemalt, wobei einer zusätzlich einen gelben Fleck aufweist. Auf dem dritten und kleinsten Steinchen befindet sich ein schwarzer Farbtupfer. Da die Kieselstückchen nicht durchgängig mit Farbe bedeckt sind, bleibt die natürliche Beschaffenheit des Steines teilweise sichtbar. Vier der fünf Zündhölzer aus Holz sind rot eingefärbt, eines ist naturfarben. Die Risskante des Kartonstücks legt die raue, weisse Fläche des Grundmaterials bloss, der Rest ist schwarz bemalt. Auf dem beigen Zettel steht mit Bleistift geschrieben: “'A willow; and 2 or 3 cows, waiting for the boat.' Shiki / a Haiku (Japanese) and a USA Egg + a European match, match!”

Die Künstlerin, die sich im Spätwerk intensiv mit japanischer Philosophie, der ZEN-Lehre sowie der japanischen Haiku-Lyrik – einer kurzen Gedichtform – befasst, fertigt 1961 eine Reihe von unterschiedlichen Meditationsschachteln an: Die einen sind leer, andere wiederum mit Sand überzogen oder mit Collagen versehen. Die darin enthaltenen Zettel bestehen aus eigenen oder fremden Texten, überwiegend Haikus. In ihrem Tagebuch beschreibt sie, dass die Schächtelchen alle Naturelemente wie beispielsweise Feuer oder Wasser vereinen und dass sie dem Besitzer Freude und Überraschung mit unerwartetem Humor bereiten sollen. Den Arbeitsprozess an diesen kleinformatigen Zündholzschachteln erlebt sie als anstrengend und notiert im August 1961 in ihr Tagebuch: “Sehr wenige Menschen begreifen warum ich Wochen verbrachte um das Feuer durch Malen und Sandkonstruktionen zu durchgehen.” Zu den grösstenteils in ihrer Schublade aufbewahrten "Meditation Boxes" bemerkte die Künstlerin am 31. August 1962: “Ein Wunsch und meine Hoffnung waren, dass diese Arbeiten einmal reisen, dass etwas von mir in ihnen 'auf die Reise kann.'”

Stellt Sekula im Gemälde "Le jeu" (KML 520x) die einzelnen, zu enträtselnden Motive noch isoliert und zusammenhangslos dar, so werden sie in der "Meditation Box" zu greifbaren Gegenständen wie Streichhölzer, Streichholzschachtel oder Steinen. Ihre Bedeutung verändert sich jedoch mit dem Lesen des Zetteltextes. Der Leser wird animiert, sich auf ein assoziatives Spiel einzulassen: Ein Streichholz wird zu einem Europäer, die Steine zu Kühen, oder doch zu einer Weide? In ihren Aufzeichnungen im April 1961 erläutert Sonja Sekula den Begriff Meditation folgendermassen: “no more form, color or matter, no more birth or death.” Die assoziative Vorgehensweise wird somit zum meditativen Prozess.

Barbara Hatebur