deutschenglisch
Ohne Titel
  • Michael Buthe
  • Ohne Titel, 1969

  • Bleistift, Acrylfarbe, Stempel, Kugelschreiber und Collage auf Papier
  • 45 x 62.4 cm
  • signiert und datiert unten Mitte: "M. Buthe 69"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2006.26y
  • © 2011, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'969
  • Jahr bis: 1'969
Werkbeschrieb
Provenienz
Literatur
Weiteres

Michael Buthes künstlerisches Œuvre wird durch ein umfangreiches Konvolut von klein- und grossformatigen Zeichnungen ergänzt, die in ihrer Funktion weit über den blossen Werkskizzencharakter hinausgehen und die Kernpunkte von seinem Schaffen aufgreifen. In den späten 1960er Jahren schafft der Künstler eine Reihe von unterschiedlich grossen Zeichnungen, die sich durch die Tendenz zur Abstraktion, eine weitgehend reduzierte Farbigkeit, Collageelemente und eine Konzentration auf Linien und Flächen auszeichnen. Das unbetitelte und auf 1969 datierte Blatt (KML 2006.26y) aus der Sammlung des Kunstmuseums Luzern wird von einem feinen Netz aus Bleistiftlinien und Bleistiftpunkten dominiert, die sich – eine Diagonale bildend – in der rechten unteren Ecke der Zeichnung verdichten. Die wenigen, längeren, gerade ausgerichteten und rechtwinklig zueinander stehenden Linien bilden eine Art visuelle Begrenzung, die vom wilden Gespinnst aus Punkten und kurzen Linien jedoch mühelos überwunden werden. Ein kleines, aufgeklebtes Kartonstück erinnert in seiner Form an einen Pfeil und akzentuiert in seiner Ausrichtung die bereits in den anderen Elementen angelegte Verdichtung der Zeichnung in der rechten Blatthälfte. Die Farbpalette ist auf Weiss, Grau und Blau reduziert, der Farbigkeit der eingesetzten Materialien – das zusehend vergilbte Weiss des Papiers, die unterschiedlichen Grautöne der Bleistifte – wird viel Raum gelassen.

Linien, Flächen und reduzierte Farben bestimmen auch die 1970 entstandene Zeichnung „larrissimo engrada“ (KML 2008.60y). Das auf den papierenen Bildträger aufgeklebte Pauspapier ist stellenweise mit grauer Acrylfarbe übermalt, die Charakteristika der jeweiligen Farbträger werden dadurch betont. Die feinen Bleistiftlinien ordnen sich zu wellenartigen Formen, die visuelle Anlehnung an kartografische Höhenlinien schafft Assoziationen zu einer räumlichen Ausdehnung. Auch bei dieser Zeichnung zeigt die benutzte Farbpalette eine Tendenz zur Reduktion, die – im Unterschied zu dem im Jahr zuvor entstandenen Blatt – jedoch durch Tupfer von schimmernden Gold und glänzendem Violett aufgebrochen wird. Der Titel der Zeichnung bleibt trotz der Anlehnung an romanische Sprachen und dem eindeutig der italienischen Steigerungsform zuzuordnenden Suffix „–issimo“ unbestimmt, unübersetzbar und in diesem Sinne auch geheimnisvoll. Einen nicht minder rätselhaften Titel gibt Buthe auch der im selben Jahr entstandenen Zeichnung „lebolo amato que miracle reschenetürre la belle schenerenpolo“ (KML 683y). Die einzelnen Wörter mögen konkret einer Sprache (Französisch, Italienisch) entlehnt sein oder zumindest an die phonetische Schreibweise bestimmter Ausdrücke erinnern, letztlich bleibt der spezifische Sinn des Werktitels aber verborgen. Das Spiel mit Sprachen, Wörtern und deren Bedeutungen ist für Buthes Œuvre bezeichnend und nicht nur in seinen reich gestalteten Briefen (vgl. KML 2004.18y) anschaulich dokumentiert. Gerade die nach seiner ersten Marokkoreise im Frühjahr 1970 entstehenden Arbeiten tragen oft fantasievolle Titel und spielen mit den Möglichkeiten der verschiedensten Sprachen. Auffallend ist bei diesem Blatt weiter die deutliche Zunahme der Farbigkeit: die den verwendeten Materialien – Papier, Pauspapier oder Klebestreifen – immanenten Farben werden erweitert durch Gelb-, Grün-, Rot- und Goldtöne. Die Farben bilden Flächen, Linien und Punkte, feine Bleistiftstriche konturieren nicht näher zu bestimmende Formen, tausende von Bleistiftpunkten ziehen sich über das Papier.

Die beschriebenen zeichnerischen Arbeiten verweisen exemplarisch auf die Bedeutung von Buthes Zeichnungskonvolut. Nicht selten lässt sich an ihnen die Entwicklung von seinem Werk ablesen und verstehen. Die frühen, sparsam angelegten Zeichnungen der späten 1960er Jahre finden eine Entsprechung in zeitgleich entstehenden, an die Arte Povera angelehnte skulpturalen Arbeiten. Die einfachen Collagen auf Papier der späten 1960er Jahre sind letztlich die Vorläufer für die aus Fundstücken zusammengesetzten Objektcollagen, die ersten zaghaften Experimente mit Gold, Violett oder Rot sind das Fundament für die opulenten, glänzenden und glitzernden Objekte und Zeichnungen der 1970er und 1980er Jahre.

Buthes frühe Zeichnungen sind jedoch nicht lediglich in Analogie zu seinem skulpturalen Arbeiten zu betrachten oder als konkrete Werkskizzen zu lesen. Vielmehr vermögen sie in sich eine spezifische Auseinandersetzung mit der dreidimensionalen Räumlichkeit zu generieren. So schaffen einerseits die Elemente der Collage eine – wenn auch erst sehr angedeutete – Ausdehnung in den Raum hinein, andererseits evozieren auch die rein zeichnerischen Elemente eine konkrete Auseinandersetzung mit räumlichen Situationen. Die rechtwinklig zueinander stehenden Linien im unbetitelten Blatt von 1969 oder in „larrissimo engrada“ erinnern an Raumelemente, an bauliche Begrenzungen; die Zeichnungen können in diesem Sinne als Raumskizzen, als Pläne gelesen werden. Die konstruierten räumlichen Elemente stehen in Relation zu den intuitiv wirkenden Punkten und Farbflächen, die – auf der Ebene des Planes – ihrerseits im Raum gedacht werden können. Das Spannungsverhältnis zwischen geraden, auch konstruierten Linien und intuitiv gesetzten Punkten oder kurzen Linien bilden auf der formalen Ebene eine weitere Konstante in Buthes zeichnerischem Frühwerk. Das Aufbrechen von geraden, rechtwinkligen Strukturen oder die Kombination von konstruierten, exakten Linien und gleichsam gewachsenen, fast organisch anmutenden Formen prägen Buthes Auseinandersetzung mit dem Medium der Zeichnung. Durch die Ausdehnung dieser in den Raum hinein und in der Beschäftigung mit konstruierten und intuitiven Formen gelingt Michael Buthe die konkrete Erweiterung des Zeichnungsbegriffes.

Gioia Dal Molin