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Lord Heathfield
  • Jacques Laurent Agasse
  • Lord Heathfield, 1814

  • Öl auf Leinwand
  • 95.6 x 84.4 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 59x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'814
  • Jahr bis: 1'814
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Tierdarstellungen prägen das Gesamtwerk von Jacques-Laurent Agasse. Durch seine aussergewöhnlichen Kenntnisse der Tieranatomie und sein zeichnerisches Können vermag der aus Genf stammende Künstler Tiere von verblüffender Lebendigkeit zu malen. Die spezifisch englische Tradition des Tiersports und der Jagd findet im British Sporting Painting ihren künstlerischen Ausdruck und bildet für Agasse einen idealen Hintergrund, um seiner Berufung als Tiermaler nachzugehen. Für das englische Grossbürgertum und den Adel porträtiert er Pferde und Hunde mit einem guten Gespür für deren charakterlichen Eigenschaften. Das Porträt von "Lord Heathfield" zeigt im Vordergrund einen braunen Hengst mit seinem Reiter und kann in diesem Sinn als eigentliches Doppelporträt verstanden werden.

Lord Heathfield stammt aus einer angesehenen englischen Familie, die sich ihren Adelstitel im späten 18. Jahrhundert durch ihren erfolgreichen Einsatz im Krieg gegen Spanien verdient hat. Auch der hier porträtierte Francis Augustus Heathfield ist im Dienst der Armee tätig. Er wird 1795 Kavallerieoberst und erreicht darauf den Generalsgrad. Er stirbt im Jahre 1813 als letzter Vertreter seines Familienstammes. Als Agasse um 1800 von Genf nach London übersiedelt, wird er von Freunden in die höhere Gesellschaft eingeführt und als Tiermaler empfohlen. Es ist anzunehmen, dass er auf diese Weise auch Bekanntschaft mit Lord Heathfield macht. Vier Mal hat Agasse diesen als Reiter porträtiert. Das erste Porträt der Serie befindet sich in der Sammlung des Musée des Beaux-Arts in Genf. Die Version der Luzerner Sammlung weicht nur geringfügig in Grösse und Hintergrundsgestaltung davon ab. Sie ist 1814 und somit erst nach dem Tod Heathfields entstanden.

Agasse gibt Heathfield in aufrechter Körperhaltung auf seinem Pferd reitend wieder. Leicht aus dem Profil gedreht, blickt der Porträtierte in die Richtung, in die er reitet. Seine elegante Kleidung, der schwarze Zylinder und der mit Messingknöpfen geschlossene schwarze Mantel, die weiss leuchtende, unter dem Kinn geknotete Krawatte, die Handschuhe, die Kniehose aus hellem Leder sowie die glänzend polierten Jockeystiefel, deren unter dem Knie umgeschlagene Stulpe das dekorative Lederfutter zur Geltung kommen lassen, entsprechen der Reitermode des wohlhabenden Engländers und verweisen bildlich auf den hohen gesellschaftlichen Rang des Lords. Die herausragende Eleganz Heathfields wird im Kontrast zur zweiten Person im Bild, dem Reiter im Hintergrund, noch verdeutlicht. Die für einen Edelmann zu farbige Kleidung in Blau und Rot kennzeichnen den Begleiter als Angehörigen einer tieferen sozialen Schicht. Möglicherweise handelt es sich um einen Stallknecht. In seiner frontalen, an den linken Bildrand gedrängten Position sowie in seiner Grösse steht er in keiner Konkurrenz zur Hauptfigur, trägt im Gegenteil noch zur Hervorhebung derselben bei.

Die soziale Stellung von Lord Heathfield scheint in der Darstellung durch den Rückgriff auf die traditionelle Ikonographie des Herrscherporträts noch unterstrichen. So kann die Kraft und die Dynamik des Pferdes, verbildlicht durch die athletische Muskulatur und den unbeirrbaren Schritt nach vorn – signalisiert durch die in Leserichtung erfolgende Bewegung von links nach rechts – im übertragenen Sinn als Hinweis auf die Führungskraft des Reiters verstanden werden. Auch die Landschaft kann im Herrscherporträt auf die Position des Porträtierten verweisen, deutet sie doch meistens auf dessen Herrschaft oder Besitz hin. Bei der hügeligen, von einem Gewässer durchzogenen Wiesenlandschaft mit Laubbäumen, die die Reitergruppe umschliesst, könnte es sich durchaus um Länderein im Süden Englands handeln, wie sie sich im Besitz von Lord Heathfield befunden haben dürften.

Wenn Agasse seine sehr sorgfältig ausgearbeitete Bildkomposition auch auf den Reiter ausrichtet, wird dennoch rasch deutlich, dass er dem Pferd selber in malerischer Hinsicht weit mehr Aufmerksamkeit schenkt als dessen Reiter. Mit Akribie und feinstem Pinselstrich kann der Maler am Körper des Pferdes sein ganzes Können demonstrieren. Der Glanz des Felles, das ausgeprägte Muskelspiel und die leicht angespannte Haltung des Tieres lassen dieses ausgesprochen lebendig erscheinen. Im Vergleich zu seinem Reiter vermag das Reittier aus sich selber eine Art Persönlichkeit zu behaupten. Frappant ist diesbezüglich, dass das Pferd mit seinem rückwärts zur Seite gerichteten rechten Auge den Betrachter fixiert – ganz im Gegensatz zu seinem Reiter. Der virtuose Tiermaler Jacques-Laurent Agasse lässt seine Berufung erkennen in dem er in erster Linie ein Pferd porträtiert: das Pferd von Lord Heathfield.
Insgesamt sind vier Porträts Lord Heathfields zu Pferd von Agasse überliefert, von denen das umm 1811 entstandene für die Royal Collection erworben wurde. Der Porträtierte war Präsident des Veterinary College war, wo Agasse Tierstudien trieb.

Fabienne Sutter