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Paradiesgarten
  • Wilhelm Balmer
  • Paradiesgarten, 1908

  • Tempera und Öl auf Papier, auf Eternit
  • 83 x 67 cm
  • signiert und datiert unten rechts. "W. Balmer 1908."
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. C 4x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'908
  • Jahr bis: 1'908
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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In den Jahren zwischen 1902 und 1908 lässt sich Wilhelm Balmer mit seiner Familie in Florenz nieder. Es ist die liebliche Landschaft und das Studium alter italienischer Meister, die sein Werk verändert. Zunehmend finden sich – in seiner von Portätmalerei dominierten Schaffensweise – Landschaften und helle, fröhliche Farbnoten. Entsprechend entfernt sich Balmer von der Tonmalerei der Münchner Schule und vom malerischen Vorbild seines früheren Mentors Ludwig Löfftz. Weiter entwickelt er ein Figurenreichtum in seinen Kompositionen, verliert aber nie den Bezug zum Porträt. Er schafft eine Synthese zwischen Einzelporträt und Figurengruppen, sowie Landschaftsmalerei und symbolhafter Darstellung. In dieser Zeit malt Balmer auch das Werk „Paradiesgarten“, das all jene Aspekte vereint und somit beispielhaft für diese Schaffensphase ist.

Der Blick des Betrachters fällt zuerst auf den blonden Knaben mit blauen Flügelchen, der im unteren Drittel des Bildes im Gras sitzt. Sein rechtes Bein ist angewinkelt, so dass er seine Zehen begutachten kann. In seinen Memoiren schreibt Balmer, dass ihm für diesen Bildausschnitt sein jüngster Sohn Max als Inspiration diente, als er nackt im Gras sass und mit seinen Zehen spielte. Der Künstler ist berührt von der Schönheit der Szene, so dass er den Sohn fotografiert und bei der nächsten Gelegenheit malt. Um das Porträt des Jungen tummeln sich viele, von erwachsenen Engeln gehütete, nackte spielende oder badende Kinder mit Flügeln. Andere Kinder haben noch keine Flügelchen und warten darauf, mit solchen ausgestattet zu werden. Sie halten sich in der Nähe des Brunnens und der drei erwachsenen Engel auf und scheinen etwas weniger ausgelassen als die anderen. Ein Kind sitzt still und in Gedanken versunken auf der Wiese und ein anderes schaut zu, wie ein weiteres Flügel erhält. Die drei Engel am rechten Bildrand bilden über den Brunnen und die spielenden Kinder eine schräg nach hinten verlaufende Achse, die beim vierten erwachsenen Engel, der ein Kind an der Hand führt, endet. Auf einer Anhöhe ist ein von Kletterpflanzen bedeckter Pavillon angelegt, in dem ein weiterer Engel den durstigen Kindern ein Getränk ausschenkt. Balmer bemerkt in seinen Memoiren, dass das Getränk Kaffee sei, was in einer Kinder-, bzw. Paradiesszene etwas merkwürdig anmuten mag.

Rahmen der Komposition bildet der Garten. Er erstrahlt in hellen, frühlingshaften Farben und Lichtnuancen. Der Brunnen bildet die Mitte der Bildkomposition. Er ist im übertragenen Sinn als Quell des Lebens zu deuten und evoziert Überfluss und Fruchtbarkeit. Die reiche Vegetation dier Anlage ist sehr kultiviert gehalten. So sind die Blumen in der Rabatte vor dem Brunnen in Reih und Glied angeordnet und auch sonst ist kein Wildwuchs zu entdecken. Diese bürgerliche Idylle bildet eine in sich abgeschlossene Welt, die nichts und niemanden eindringen lässt. Es gibt eine klare Abrenzung zwischen Innen und Aussen. Ausserhalb der umzäunten Gartenanlage, hinter dem geschlossenen Gartentor, steht ein Kind in einem roten Kleid, welches das Geschehen beobachtet. Es ist von den anderen Kindern getrennt, jedoch nicht nur räumlich, sondern auch durch die Bekleidung. Dahinter schweift der Blick an den Horizont einer toskanisch anmutenden Landschaft. Diese italienische Landschaft, in welche der „Paradiesgarten“ eingebettet ist, erinnert stark an die Landschaftsmalerei Arnold Böcklins. Entsprechend besitzt die italianisierende Szene Balmers Bühnenbildcharakter und stellt eine idealisierte Form von Landschaftsauffassung dar.

Ob hier eine irdische oder himmlische Szene dargestellt ist, lässt der Künstler offen. Zwar deuten einige Elemente darauf hin, dass es sich um eine religiöse Paradiesdarstellung handelt. In diesem Sinne sind die Kinder im Begriff ins Jenseits einzutreten und durch die erwachsenen Engel mit Flügelchen bestückt zu werden. Entsprechend verwandeln sie sich von Kindern zu Engeln. Andererseits kann es sich auch um eine weltliche Darstellung handeln, wo Kinder behütet in einem Garten, im Sinne eines Kindergartens spielen. Dabei würde es thematisch eher um Kindheit, Aufbruch und Fruchtbarkeit gehen, denn um das himmlische Paradies. Es handelt sich beim „Paradiesgarten“ um eine bürgerliche Paradiesvorstellung. Auch beim näheren Betrachten der erwachsenen Engel bleibt offen, ob es effektiv Engel, im Sinne androgyner Geschöpfe sind, oder ob es sich nicht einfach um Frauen mit Flügeln handelt.

Zweifelsohne vermischt Balmer im „Paradiesgarten“ weltliche und religiöse Elemente. Die starke Idealisierung des Dargestellten führt zur sakralen Überhöhung der Szene. Inwiefern der Künstler das Moralische unterstreicht, erschliesst sich aus seinen Memoiren nicht. Jedoch liegt nahe, dass das entstehende Unbehagen in der Gesellschaft über die immer rasanter werdende materialistisch-technische Entwicklung zu einem Wandel in den künstlerischen Anschauungen führt. Entsprechend konzentriert sich Balmer auf idyllisierende und moralisierende Darstellungen. Diese Stilisierung der Wirklichkeit, sowie das Schaffen von Bildutopien findet sich häufig in Darstellungen um die Jahrhundertwende. Im „Paradiesgarten“ transformiert Balmer in diesem Sinne eine bürgerliche, beziehungsweise weltliche Darstellung, in eine religiöse Szene.

Stefanie Gschwend