deutschenglisch
La traversée du siècle II
  • Chérif Defraoui / Silvie Defraoui
  • La traversée du siècle II, 1988

  • 2-Kanal-Videoinstallation, Monitore und DVD-Player, 4-Kanal-Audioverstärker und Lautsprecher, geschweisste Metalltürme, Flaschen, Papierschiffe mit Niedervoltlämpchen mit Transformatoren, Studioblitzgerät mit Mikrofon und Verstärker
  • 313 x 70 x 70 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 2008.21v
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'988
  • Jahr bis: 1'988
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

In der Installation „La traversée du siècle“ inszenieren Silvie und Chérif Defraoui einen abgedunkelten Raum mit unterschiedlichen Requisiten. Beim Eintreten streift der Blick zunächst Strahlenkränze schwacher Lichtquellen an den Wänden. Darum herum sind blaue, bullaugenartige Farbkreise in regelmässigen Abständen angebracht. Erst bei näherem Herantreten wird klar: Glühlampen verbergen sich in liegend an die Wand montierten Glasflaschen, hinter kleinen, aus beschriebenem Papier gefalteten Schiffchen. Eine aufragende Monitoreninstallation zieht ausserdem die Aufmerksamkeit auf sich. Im abgedunkelten White Cube erklimmt der zuvor umherschweifende Blick nun Sprosse um Sprosse der vier im Kreuz angeordneten, gerüstartigen Metallpodeste, kommt schliesslich auf einem runden Lichtfleck – der Aufnahme, die vier Monitoren simultan nach allen Himmelsrichtungen ausstrahlen – zur Ruhe. Langsam nimmt die Helligkeit zu, bis begleitet von einem lauten Knall ein gleissend heller Blitz den Raum mit Licht erfüllt,. Dann verschluckt ihn die Dunkelheit wieder. Während der Wahrnehmungsschock beim Betrachter nachklingt, werden die hellen Rundformen auf den Monitoren zu leuchtenden Orientierungspunkten in der Finsternis. Die helle Kreisscheibe im Bildfeld erinnert dabei auch an den nächtlichen Vollmond oder besser an eine Mondspiegelung auf der zunächst stillen, dann wieder bewegten Wasseroberfläche. Durch wiederkehrende Erschütterungen der Oberfläche kräuselt sich der glatte Wasserspiegel von Zeit zu Zeit. Unter dem gläsernen Monitorschirm scheint das Bild zu vibrieren. Blätter und kleine Zweiglein schieben sich langsam über den Lichtkreis. Sie entfalten einem Schattentheater ähnlich phantomartige Figuren. Dabei erinnert der „Mond“ auch an eine Eizelle, in deren fragiler Hülle sich Leben entwickelt.

Der französische Titel „La traversée du siecle“ ist mit „Überfahrt“ oder „Durchquerung“ des Jahrhunderts zu übersetzen. Im elektrotechnischen Fachjargon bedeutet „traversée“ auch „Durchführung“. Den Nuancenreichtum des Wortes nutzt das Künstlerpaar um den Assoziationsraum einer sinnbildlichen (Schiffs-)Passage zu installieren. Die Eintretenden bewegen sich auf ihrer Reise durch das Jahrhundert schliesslich weit zurück bis zu den Anfängen des Kolonialismus, zum Entdecker Christoph Kolumbus. Seine Spur findet sich auf den Papierschiffchen, die aus Seiten einer Neuausgabe seines Seefahrertagebuchs gefaltet worden sind. Sie scheinen in der Flasche zu schwimmen und stülpen dabei das Konzept der Flaschenpost von Aussen nach Innen um. Auf dem Papier ist zu lesen: „Donnerstag 11. Oktober 1492 […] er sah nichts, denn er befand sich nicht an einem Ort, von dem aus man sehen konnte.“ Ähnlich mag es dem Menschen angesichts dieser aufgeladenen Versatzstücke in der geschlossenen Architektur des Museumsraums gehen. Das darin aufgespannte, vielschichtige Netz von formalen und inhaltlichen Zitaten öffnet aber eine Übergangszone zu einem anderen Universum. Die Bestandteile der Installation fügen sich assoziativ und unwillkürlich zu einer Erzählung, die verschiedene zeitliche und räumliche Ebenen in Beziehung setzt. Der Betrachter trägt mit seinen inhaltlichen Projektionen zur Vervollständigung der Arbeit bei: Papierschiffchen, Bullauge, Flaschenpost, hafenkranartiges Gerüst, Christoph Kolumbus, Mond, Lichtprojektion, die vielgestaltig auftretende Kreisform, ein zyklisch wiederkehrender Blitz sind Ausgangspunkte einer gedanklichen Reise auf dem Meer. Dort, wo der Lichtkegel einer Leuchtturmlaterne den kreuzenden Booten Orientierung verspricht, wo die Mondphasen die Gezeiten lenken und die Gestirne die Navigation. In der Einöde des offenen Meeres mögen sich mit dem noch unentdeckten Land ebenso grosse Neugier, Hoffnung oder Herrschaftsanspüche verbinden wie mit dem Mond im Weltraum. Ob „terra incognita“ oder „terrain vague“ das anzueignende ist Projektionsfläche.

Während der Videokunst- und Fluxus-Pionier Nam June Paik in seiner Videoskulptur «Moon ist the Oldest TV» von 1965-1992 den Mond als Projektionsfläche der Sonnenstrahlen zeigt, spielt er einerseits mit der verbreiteten Vorstellung vom „Mann im Mond“, der sein Mondgesicht der Erde zuwendet. Andererseits nimmt Paik assoziativ Bezug auf das Medienereignis der 1960er Jahre: die Fernsehübertragung der Mondlandung. Dabei bezeichnet er den Mond als „erste und universale Projektionsfläche des Menschen“. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der französische Filmpionier Georges Méliès die Utopie einer Mondlandung bereits im Film „Le Voyage dans la Lune“ nach einer Romanvorlage von Jules Verne und unter Aufwand neuster Tricktechnik inszeniert. In seiner fiktional-visionären Erzählung landet die Raumkapsel auf dem Mond, im rechten Auge des ‚Mondgesichts’.

So wenig Silvie und Chérif Defraoui darauf abzielen, medienspezifische Eigenschaften des Videos in ihren Arbeiten zu untersuchen, so sehr zeigt die Integration von Videoaufnahmen in ihren intermedialen Rauminstallationen die voranschreitende technische Entwicklung des reproduktiv-bewegten Bildes und dessen Projektionschirmen im 20. Jahrhundert. Die Kunsttheoretikerin Rosalind Krauss spricht in Bezug auf die Arbeit des belgischen Künstlers Marcel Broodthaers „A Voyage on the North Sea“ (1976) vom Beginn des „postmedialen Zeitalters“. Anders als Silvie und Chérif Defraoui führt Broodthaers die Stofflichkeit unterschiedlicher Bilder – von Seestücken in Öl auf Leinwand und Fotos eines Segelschiffs – im Filmstreifen materiell zusammen. Inhaltlich fügen sie sich durch Einblendungen strukturiert zur „Bilderzählung“, die eine Schiffsreise auf der Nordsee beschreibt. Krauss folgert daraus einerseits, dass sich die Fiktion im Zeitalter von Video und medienübergreifenden Rauminstallationen als künstlerisches Ausdrucksmittel etabliert: „Eine Fiktion erlaubt uns, die Wirklichkeit zu erfassen und zugleich das, was sie verbirgt.“ Andererseits unterscheidet sie zwischen postmodernistischen Arbeiten (Video-Installationen/ intermedialen Arbeiten) und differenziell spezifischen (z. B. Broodthaers’ Film): Während Marcel Broodthaers in der beschriebenen Arbeit alle materiellen und inhaltlichen Wahrnehmungsebenen in die Bildspur des Filmnegativs integriert, stehen die einzelnen Komponenten in Silvie und Chérif Defraouis Mixed Media-Installation zunächst autonom nebeneinander. Die verschiedenen Assoziationsebenen der intermedialen Rauminstallation treten hier erst in der Wahrnehmung und den davon angeregten Gedanken oder Projektionen der Besucher als Erzählung zusammen. Die mehrschichtige Erfahrbarkeit der Arbeit vom Allgemeinen zum Speziellen, auf einer unmittelbaren, einer historischen und einer sinnbildlichen Ebene, zeugt vom subjektiven Bewusstsein des Künstlerpaars, das es mit „La traversée du siècle“ auch von den anderen Menschen in Raum und Zeit einfordert.

Gabrielle Schaad